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Dr. med. Onno Spahncke - der renommierte Neurologe |
Jörk machte sich Gedanken über die Ursache des Schmerzes. Er nahm frei erhältliche Medikamente, die tagsüber das Unwohlsein vertrieben. Zum Abend hin kam das Pochen wieder zurück und hinderte ihn am Schlafen. Mit der Zeit begann er auch mittags und abends Tabletten zu nehmen. Schließlich entschied er sich, seinen Hausarzt aufzusuchen. Er fuhr Dienstagmorgen mit seinem Fahrrad dorthin. Der Allgemeinmediziner konnte keine Ursache für den Schmerz feststellen und überwies Jörk zu Dr. Onno Spahncke, einem renommierten Neurologen, der erst kürzlich in die Stadt gezogen war.
Jörk machte für Montagvormittag (die Woche darauf) einen Termin bei Dr. Spahncke und fuhr, wieder mit dem Fahrrad, dort hin. Der Schmerz war inzwischen etwas abgeklungen. An der Rezeption vorbei, nahm er im kleinen Warteraum Platz. Er kramte aus seiner Umhängetasche das Buch „Der Untertan“ und las ab der Stelle weiter, wo er zuletzt aufgehört hatte. Aus dem Behandlungsraum hörte er dumpf und blechern klingende Stimmen. Es schien, als schaute der renommierte Neurologe fern. Da eine Weile lang niemand aus dem Behandlungszimmer herauskam, glaubte Jörk inzwischen fest, dass der Arzt wirklich fernschaute. Er hatte recht. Dr. Spahncke schaute fern.
„Herr Pontschowiak, Sie haben mit Ihrer Partei nur noch knapp 23 % geholt, die Freiheitlich-Liberalen sind zum ersten Mal seit Kriegsende stärker als Sie, wird das personelle Konsequenzen haben?“
Dr. Spahncke schaute die Vormittagsausgabe der Tagesnachrichten. Am Vortag hatte die Landtagswahl im wichtigsten Flächenland stattgefunden und nun wurden am Folgetag abermals Gespräche mit den Spitzenkandidaten der Parteien geführt. Dr. Spahncke, der renommierte Neurologe, war sehr politikinteressiert.
„Frau Kandel, die Landtagswahl ist erst einen Tag her. An personellen Debatten werde ich mich selbstverständlich zu diesem frühen Zeitpunkt nicht beteiligen. Außerdem geht es doch gar nicht um irgendwelche Personen, sondern um unser Land, das jetzt eine handlungsfähige Regierung braucht.“
„Herr Pontschowiak, ich würde trotzdem gerne noch einmal nachhaken. Sie haben vor der Wahl mehrfach gesagt, dass Sie Ihre politische Karriere vom Wahlergebnis abhängig machen werden. Können wir also damit rechnen, dass der bisherige Finanzminister Pontschowiak mit diesem historisch schlechten Ergebnis den Parteivorsitz der SLP abgeben wird?“
„Es tut mir leid, dass ich mich hier wiederhole, aber zu personellen Details werde ich mich heute nicht äußern.“
„Nun haben Sie von vornerein eine Gelb-Schwarz-Orangene Koalition ausgeschlossen. Da das Bündnis Katholische Demokraten knapp nicht in den Landtag eingezogen ist, bleibt eigentlich nur eine braune Ampel als letzte mögliche Koalition übrig. Diese hat aber der Fraktionsvorsitzende Ihrer Partei, Friedward Handhals, mehrfach ausgeschlossen. Könnte Sie diese Ausschließeritis letztlich die Regierungsbeteiligung kosten?“
Dr. Spahncke starrte in den Fernseher und begann zu lachen, als er das Wort „Ausschließeritis“ vernahm. Er wiederholte das Wort kichernd und sprach zu sich: „Naja, da muss man ja erstmal draufkommen, auf so ein Wort. Ausschließeritis…“ Der renommierte Neurologe freute sich.
„Frau Kandel, ich kenne Sie ja inzwischen ganz gut und auch Ihre öffentlich-rechtliche Sendeanstalt hat mir ja in diversen Interviews häufiger Mal Freude bereitet, aber an irgendwelchen Spekulationen oder Bewertungen von vergangenen Ausschließeritis-Debatten werde ich mich heute Morgen, einen Tag nach der Wahl, nicht beteiligen!“
Dr. Spahncke schaltete den Fernseher ab und wiederholte mehrfach das Wort „Ausschließeritis“. Die Fernbedienung legte er auf sein Tischchen neben dem Regal und ging am Warteraum vorbei, zur Sprechstundenhilfe. Diese händigte ihm eine bescheiden volle Akte aus. Dr. Spahncke huschte wieder zurück, blieb aber dieses Mal am Warteraum stehen. „Herr Pohlenz, kommen Sie bitte mit“ – Herr Pohlenz ist unser von Kopfschmerzen geplagter Jörk – zusammen gingen die zwei in den Behandlungsraum.
„Sooooo, Herr Pohlenz, wo drückt denn der Schuh? In der Akte meiner Sprechstundenhilfe steht, dass sie Kopfschmerzen haben?“
„Richtig, hier hinten. Und zwar pochend. “ Jörk wies mit seinem rechten Zeigefinger auf seinen Hinterkopf.
„Wie lange dauert dieser Zustand schon an?“
„Naja, so circa drei Wochen. Zuerst war der Schmerz aber mehr in der Stirn, dann ist er nach hinten gewandert.“
Dr. Spahncke notierte einiges in seiner Akte und blickte dabei immer mal aus dem zur Straße rausgehenden Fenster. Er legte seinen Stift vorsichtig neben den beschriebenen Bogen und goss sich ein Glas Wasser ein.
„Für so einen Schmerz kann es hunderte Ursachen geben, Herr Pohlenz.“
Jörk nickte.
„Tut Ihr Kopf jetzt gerade auch weh?“
„Ja.“
„Hmmmm.“
Jörk kratzte an seiner Stirn und schwieg.
„Also … hmmm.“
Jörk kratzte erneut an seiner Stirn und fragte Dr. Spahncke: „Und, was denken Sie, habe ich?“
„Tja“, antwortete Dr. Spahncke, „wie gesagt, so ein pochender Kopfschmerz kann hunderte Ursachen haben.“
Jörk reagierte mit einem vorsichtigen Lächeln. „Aber was soll ich denn jetzt machen? Ich kann kaum noch arbeiten, weil mein Kopf immer wehtut.“
Der renommierte Neurologe pulte an der Hornhaut seiner Finger. Er war desinteressiert.
„Herr Pohlenz, haben Sie gestern die Landtagswahl verfolgt?“
Jörk war irritiert. „Warum fragen Sie das?“
„Naja, bei Ihrem Kopfschmerz kommen wir ja augenscheinlich nicht weiter. Ich dachte, es wäre vielleicht spannender, darüber zu reden.“
Wegen seines in kurzen Intervallen auftretenden Schmerzes kniff Jörk etwa alle zwanzig Sekunden sein Gesicht zusammen. Das tat er auch jetzt.
„Herr Pohlenz, haben Sie DIE LANDTAGSWAHL verfolgt?“, fragte Dr. Spahncke mit Nachdruck erneut.
„Nein!“ sagte Jörk. „Ich kann mit meinem Kopfschmerz nicht fernsehen.“
„Schade“, antwortete der Arzt.
„Herr Dr. Spahncke, vielen Dank für Ihre Zeit, aber ich glaube, ich gehe jetzt besser.“
„Wirklich? Wieso denn? Wir könnten doch über die Landtagswahl reden. Da haben sich die Mehrheiten drastisch verschoben. ‚Erdrutschartig‘ ist ein toller Begriff, um das zu beschreiben. Außerdem zeigt die Wählerwanderung, dass das Bündnis Katholische Demokraten die meisten seiner bisherigen Wähler an den Tod verloren hat. Es gibt solche Wählerwanderungsgraphiken, da kann man das schön nachvollziehen. Da ist „verstorben“ ein eigener kleiner Bereich, wo der Pfeil der Parteien hinwandern kann. Ich find das informativ und ulkig. Und ganz im Ernst: Medieninhalte sollten im besten Fall immer informieren UND unterhalten, nicht wahr?“
„Äääääh, joa … vielleicht. Aber wie gesagt, ich habe die Wahl nicht verfolgt und sowieso interessiere ich mich nicht für Politik. Aber schön, dass Sie das tun. Ich würde Ihnen aber dennoch empfehlen, sich ein bisschen mehr mit Medizin zu beschäftigen, sonst werden bald keine Patienten mehr zu Ihnen kommen.“
Der renommierte Neurologe hob seinen rechten Zeigefinger und gab sich nun so richtig arztartig: „Herr Pohlenz, ich weiß natürlich, an was Sie leiden. Sie haben sich da eine fiese Ausschließeritis eingefangen. Das passiert, wenn man allem eine Absage erteilt.“
„Wie bitte?“, sprach Jörk erstaunt.
„Sie hören ganz richtig, Ausschließeritis. Politiker leiden oft daran, manchmal aber auch Privatpersonen. Lassen Sie einfach mehr zu, interessieren Sie sich für mehr Dinge, schließen Sie nicht so vieles von Ihrem Leben aus, dann geht der pochende Kopfschmerz wieder von alleine weg. Fangen Sie an, sich für Politik zu interessieren.“
„Herr Dr. Spahncke, das ist sehr merkwürdig, was Sie sagen. Ich gehe dann jetzt mal. Tschüs!“
Jörk schüttelte dem renommierten Neurologen, der ihn erstaunt ansah, die Hand, bevor er zügig den Behandlungsraum und die Praxis verließ.
Onno Spahncke setzte sich wieder auf seinen Stuhl und schaltete den Fernseher ein. Die Ausschließeritis sollte den restlichen Sendetag des Programms der Öffentlich-rechtlichen bestimmen. Der renommierte Neurologe klopfte sich ob der Diagnose von Jörk Pohlenz auf die weißbekittelten Schultern und ämusierte sich prächtig über den großartigen Neologismus „Ausschließeritis“.
Jörk sollte das Weihnachtsfest 2010 nicht mehr miterleben. Er hatte einen Hirntumor.
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