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Die Samstag Abend Reportage: Einsatz auf dem Bergungsschiff

 

Liebe Leser*innen, diese Reportage erreicht uns über unser anonymes Postfach. Es handelt sich offenbar um ein Skript für eine Fernsehreportage. Hoffentlich kommt das beim Lesen auch genauso rüber wie beim Ansehen. Naja. Lesen Sie selbst!

 

Die Nordsee. Gigantische Wassermassen. Und wir mittendrin. Genauer gesagt: Auf der MS Omnibus, einem sogenannten Bergungsschiff. Und ich darf live dabei sein.

 

Eigentlich wäre ich gern auf der „Monster von Gibraltar“ mitgefahren, aber sie wollten mich nicht dabei haben. Die MS Omnibus hat nicht so viele Aufträge wie die Monster von Gibraltar, und deshalb hatte man kein Problem damit, daß ich mitkomme.

 

Die Brücke des 100-Meter-Schiffs. Hier laufen alle Fäden zusammen. Fehler darf sich hier keiner leisten. Kapitän Zwulf Feddersen hat schon einiges erlebt: „Jau, an sich bin ich Quereinsteiger. Ich habe früher aufm Schrottplatz gearbeitet, nich wahr. Aber man wird ja auch älter, und das geht ganz schön auf den Rücken, nich wahr. Und nu bin ich ja auch schon etwas huschig, nich wahr. Man sieht und hört nich mehr so gut. Aber hier oben hab ich meine Ruhe, nech?

 

Derweil steht Smutje Ingo Büsching in der Kombüse und schwingt die Pfanne. [Aus dem Off: „Na, was gibt’s denn heute?“] – „Also, heute probiere ich mal was ganz Verrücktes. Ich dachte, ich frittiere Äpfel und ummantele sie mit Hackfleisch, das ich dann seinerseits frittiere. Dazu gibt es frittierten Reis.“ – Die Crew schwört auf ungesundes Essen, denn Seeluft macht hungrig! Ingo ist eigentlich nur Aushilfskoch… „Aber der Chef liegt mit einer schweren, also ich meine, wirklich schweren Magenverstimmung im Bett“. Oha, da muß wohl der Neuling heute ran. „Ein bißchen aufgeregt ist man natürlich schon, wenn man die Routine nicht so hat, sag ich mal. Das wird jetzt das zweite Essen, das ich allein verantworte. Chef hat mir freie Hand gelassen, er hat gesagt, er glaubt, er stirbt, und ich soll mich verpissen.“ [Aus dem Off: „Und dann gleich so was Experimentelles?“] – „Wieso? Findest du es scheiße? Oh Gott, es ist bestimmt scheiße. Ich mach noch mal neu!“ [Off: „Nee, das wollte ich jetzt nicht …“] – Zu spät. Ingo Büsching wirft alles durchs Fenster ins Meer. „Ich kann das nicht, ich kann das nicht!“

Gehen wir besser weg. An Deck ist Jeruiman Kapuznik gerade dabei, einen schweren Anker hochzuhieven. Tja. Oder auch nicht. „Oha, das‘ verdammt schwer, der Scheiß!“ Sein Kollege Arnulf packt mit an. Beide ziehen und ziehen. „Mensch, dat geht nicht!“ Auch die beiden tragen heute erstmals die alleinige Verantwortung, denn nicht nur den Koch hat es dahingerafft. „Die halbe Crew stand Schlange vorm Klo gestern, als der Neue was gekocht hatte. Alder, das war echt ungenießbar!“ Nun müssen sie allein den schweren Anker hieven. „Jau, sonst kommen wir nicht weit. Und wir wollen ja nu auch mal los.“ [„Wieso los, wir fahren doch schon seit gestern?“] – Ja, schon, aber wir sind noch im Hafen. Der Käpt’n hat vergessen, einen Lotsen zu bestellen, und der Steuermann hat den Ausgang nich gefunden. Und denn haben wir hier an der Seite Halt gemacht und erst mal Anker rein. Und nu geht dat Ding nicht mehr raus!“ – „Hey, Jeruiman, guck mal!“ Arnulf zeigt triumphierend auf eine elektrische Ankerwinde. „Damit geht’s“. „Arnulf, du bist ein Genie!“ Jeruiman drückt auf den Knopf, und die Ankerkette beginnt sich aus dem Wasser zu bewegen.

Derweil im Maschinenraum. Okko Erdigmann schaut auf Bildschirme. „Wieso blinkt dat?“ Erdigmann vertritt den Maschinisten, der ebenfalls mit schwerer Lebensmittel­vergiftung im Bett liegt. „Wat blinkt dat hier?“ Er schlägt gegen den Monitor, der daraufhin ausgeht. „Scheise“, stöhnt er. Er öffnet die Tür zum Maschinenraum. „Scheint alles normal zu laufen. Bin ich froh, wenn Maikel wieder fit is.“ Er schwingt sich durch die kleine Tür und macht einen Rundgang. Prüfend legt er die Hand auf eine Reihe sich hebender Zylinder – und zieht die Hand schnell wieder weg. „Ohaua ha, is dat heiß!“ [„Ist das normal?“] – „Wat weiß ich?“ Ich hab heut zweiten Tach, normal sollte Maikel mich anlern‘ heude.“ [„Sollte man dann nicht zurückkehren?] – „Ach wo, wird schon schiefgehen, Maikel is ja nich dood, harr!“ Damit endet der Rundgang im Maschinen­raum.

Zurück in der Kombüse hat Co-Smutje Ingo Büsching inzwischen was Neues gezaubert; „Ganz klassisches Omelette, aber gefüllt mit Konfitüre. Das wird der Hit, ich sag’s dir!“ Naja, ich sag mal besser nichts. Die ersten Hungrigen finden sich auch schon in der Messe ein. Büsching verteilt die gräuliche Masse auf den Tellern. Der Ekel ist den meisten ins Gesicht geschrieben.

Und dann – ein Gefühlsausbruch. Jeruiman Kapuznik nimmt das Omelett und wirft es gegen die Wand. „Alder, ich verreck hier, wenn das so weitergeht! Das geht so nich an!“

Ingo Büsching steht in der Tür zur Kombüse. [„Ist das jetzt Ihre Feuertaufe?“] – „Ey Alder, leck mich mit deiner Feuertaufe.“ Er verdeckt sein Gesicht und eilt in die Küche, knallt die Tür zu. Durch die Tür höre ich ein „Verpiss dich, du Affe!“

Die Messe leert sich. Wo sind alle hin? Tja, Zeit, mal wieder auf der Brücke nach dem Rechten zu sehen.

Zwulf Feddersen sitzt auf seinem Arbeitsplatz und hält sehr konzentriert Kurs – nicht eine Regung. Da markt man die jahrelange … Ach nein, er schläft. [„Herr Feddersen, wie stehen die Aktien?“] Er schreckt hoch. „Äh … Oh Gott, nich schon wiedä. Ich werd zu alt für den Scheiß!“ Er reißt am Lenkrad, was sich sofort spürbar bemerkbar macht. Das Schiff neigt sich zur Seite. Sofort reißt er das Steuerrad wieder in die andere Richtung. Dabei übersteuert er abermals, es dauert vierzig Sekunden, bis das Schiff wieder eine ruhige Position einnimmt. Ein Alarm geht an. [„Oh, war das jetzt Ihrem Manöver geschuldet?“] „Du halt mal die Schnauze jetz, du Schreiberling!“ Aus wütenden Schlitzen sieht er mich an. Ich geh mal wieder an Deck.

Wo ich auch den Rest der Mannschaft wiederfinde. Man hat sich kurzerhand Pizza bei einem örtlichen Lieferdienst bestellt. Schließlich haben wir ja den Hafen noch nicht verlassen. Bei heißer Calzone kühlen die Gemüter wieder ab. Auch Ingo Büsching schmatzt mit den anderen. „Is schon besser wie mein Pamps, das geb ich gern zu!“

Mir reichts, ich habe genug gesehen. Zum Glück sind wir noch im Hafen, da können wir ja eben von Bord gehen. Dachte ich zumindest. Käptn Feddersen möchte unseretwegen keine Zeit mehr verlieren. Er stellt uns stattdessen das einzige Rettungsboot des Bergungsschiffs zur Verfügung, mit dem wir ans ersehnte Ufer fahren.

Drei Tage später. Der größte Schock ist vorüber, Zeit, das Erlebte zu verarbeiten. Was habe ich da nur erlebt? Und warum ist die Omibus gestern nicht wie geplant in ihren Heimathafen zurückgekehrt?

Sechs Wochen später. Gestern wurde der Beitrag gesendet. Ich habe eine E-Mail der Staatsanwaltschaft Cuxhaven im Posteingang. Sachdienliche Hinweise zur Unglücksursache soll ich machen. Doch hinter diesen bürokratischen Worten stecken Schicksale von Menschen. Sicher, sie waren schwierig, unsympathisch und inkompetent – aber gleichzeitig auch selbstgerecht und unfähig, die eigenen Fähigkeiten realistisch einzuschätzen.

Die MS Omnibus – (k)ein Schiff wie jedes andere!

Kommentare

Jan Schmiet hat gesagt…
Sind die getz alle tot?
Christoph Teusche hat gesagt…
Sehr geehrter Herr Schmiet, auf Anraten unseres Justiziars teile ich Ihn folgendes mit: Es handelt sich um eine mutmaßlich fiktionale Geschichte, so daß die darin erwähnten Ereignisse mutmaßlich nicht so geschehen sind. Mutmaßlich deshalb, weil, wie ja eingangs erwähnt wird, dieser Artikel uns mutmaßlich anonym zugespielt wurde. Sollte einer oder mehrere der mutmaßlichen Charaktere nicht fiktional sein, übernehmen wir für mutmaßliche Konsequenzen aus etwaigem Tun oder Unterlassen eines oder mehrerer der mutmaßlich nicht-fiktionalen Charaktere keine Haftung. Bitte sehen Sie von Rückfragen ab! MfG Teusche
Anonym hat gesagt…
Was heißt denn "mutmaßlich anonym zugespielt"? Was sind "mutmaßliche Charaktere" und warum steht am Ende, manche von ihnen seien mutmaßlich nicht fiktional?
Zwulf Feddersen hat gesagt…
Ohauaha, da hat aber jemand den Finger in die Wunde gelegt, nich wahr!
Jan Schmiet hat gesagt…
Herr Teusche, aus Ihrer Antwort werde ich irgendwie nicht schlau. Ich muss das aber wissen, weil mein Cousin Mork Plettesen mutmaßlich auf MS Omnibus angeheuert hat. Lebt er noch oder nicht?
Christoph Teusche hat gesagt…
Ja, Herr Schmiet, verstehen Sie denn nicht? Es gibt mutmaßlich gar keine MS Omnibus! Über wenn, dann gibt es mutmaßlich keinen Mork Plettesen. Von dem ist ja nicht einmal in dem Text für Rede, der mutmaßlich fiktionale Ereignisse beschreibt. Wir sind hier auch nicht die Auskunft. Bitte melden Sie sich nicht mehr!

MfG Teusche
Christoph Teusche hat gesagt…
Korrigiere: "für Rede" ist falsch, ich bitte um Entschuldigung. Es muss "die Rede" heißen.
Jan Schmiet hat gesagt…
Herr Teusche, das ist nicht in Ordnung! Ich weiß ganz genau, dass mein Cousin Mork Plettesen mutmaßlich auf der MS Omnibus war. Auch wenn er nicht in ihrem Text vorkam, war er mutmaßlich auf dem Schiff. Ihnen müssen doch mutmaßliche Passagierlisten vorliegen. Überprüfen Sie diese!
Christoph Teusche hat gesagt…
Sehr geehrter Herr Schmiet, wenn uns tatsächlich zusammen mit dem Text mutmaßliche Passagierlisten, verschiedene persönliche Gegenstände und auch mehrere Abschiedsbriefe (Wer schreibt denn heute noch Briefe? Und wie kam die Person an die Briefe?) übergeben worden wären, dann hätten wir diese mutmaßlich der Polizei übergeben.
Deutscher Inlandsservice hat gesagt…
Einmal bitte Platz machen, wir müssten mal kurz durch. BITTE EINMAL PLATZ MACHEN ... man man man ... wir müssen mal grad durch. Dankeschön.
Arschibald Zwirn hat gesagt…
Ja, hat man so was schon erlebt?
Christoph Teusche hat gesagt…
@Deutscher Inlandsservice Können wir Ihnen irgendwie behilflich sein?

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