Donnerstag, 19. Oktober 2017

Das Zeltlager des Mittelaltermarktes

Torsten Draeger war schlechtgelaunt. Er arbeitete als Feuerspucker auf Mittelaltermärkten und fuhr immer in der ganzen Republik umher, zusammen mit einer größeren Gruppe von Leuten: Händlern, Magiern, Musikanten und Narren. Zurzeit gastierten sie in Doberlug-Kirchhain. Die Menschen dort waren sehr schlicht, was gut war, denn umso leichter waren sie zu unterhalten. Doch andererseits machte sich die Hartz-Gesetzgebung an solchen Orten auch besonders bemerkbar. Gerade hatte er für sein „teuflisches Feuerspektakel“ Geldspenden in Höhe von lediglich 8,50 € erhalten. Was dachte sich dieser tumbe Pöbel eigentlich? Wovon sollte er denn leben? Die kriegten ja immerhin Geld vom Amt, aber er war Freiberufler, da hätte er tausend Nachweise bringen müssen, nur um  am Ende doch keine Ansprüche zu haben. Dann lieber irgendwie durchschlagen. Aber diese verdammten Doberluger machten es ihm schwer. Und es gab so viele Doberluger in Deutschland. Mit Schaudern dachte er an Bad Harzburg und Wismar, aber auch Duisburg und Bochum zurück. Das waren alles verfluchte Orte.
Torsten öffnete die Druckknöpfe seines Zeltes, um sich auf seine Schlafstatt zu legen – das heißt, er hatte es vor. Jemand war aber vor ihm dagewesen und hatte die Knöpfe geöffnet. Einbruch! Vorsichtig löste Torsten die letzten Knöpfe, dann zog er ruckartig die vorhangartige Zeltöffnung beiseite. Da saß Marina, die Schlangenbeschwörerin. Torsten fragte sich immer mal, ob man im Mittelalter tatsächlich Schlangen beschwört hatte, tendierte aber zu einem Ja, da ja „Mittelalter“ eine ziemlich lange Zeitspanne abdeckte und auch nicht so genau räumlich festgelegt war. Marina saß auf seinem Bett, die Augen geweitet, den Blick auf Torsten gerichtet. Als sie sah, daß er es war, entspannten sich ihre Gesichtszüge. „Was macht ihr hier, werte Dame?“, fragte Torsten sie. Er redete unbewußt so, wie er es von seinen Auftritten gewohnt war, sie alle taten das, die hier in Zelten und Bauwagen miteinander lebten. „Mittelalterisch“ hatte sich zu einem Mikro-Soziolekt entwickelt. Es war die natürliche Art, hier im Lager miteinander zu reden. „Verzeiht, werter Herr, daß ich euern Hausfrieden störe! Ich wußte nicht, wohin! Stellt euch vor, sie haben Hannelore getötet!“ Torstens Herz durchfuhr ein Stich. Seine Hände begannen zu zittern. „Han … nelore?“, sagte er, während ihm tausend Gedanken durch den Kopf gingen. Nach einer Weile fragte er: „Waren die das?“ Sie antwortete knapp: „Ja!“
Torsten war erschüttert. In ihrem Lager gab es zwei Gruppen. Ihre Gruppe, das waren die Magier und die Akrobaten. Die anderen rekrutierten sich aus den Reihen der Händler und Musikanten. Sie sahen sich als die Überlegenen an und wollten im Lager die Herrschaft an sich reißen. Torsten und seinesgleichen taten sie ab als unnützes, austauschbares Fußvolk. Die so Geschmähten lehnten sich dagegen auf, aber es wurde nur schlimmer: Die Händler und Musikanten begannen, sich als Klerus zu bezeichnen, stellten Verhaltensregeln auf und sanktionierten sie. Dazu warben sie die Narren an, eine von beiden Seiten gehaßte Gruppe, die käuflich war. Die Narren meldeten Gesetzesübertritte und sperrten die Angehörigen der anderen Gruppe in leere Käfige, die für Tiere gedacht waren (es waren auch immer Tierhalter im Lager, aber die hielten sich aus dem Konflikt weitgehend raus). Jetzt war es also zu einem Mord gekommen. Hannelore war erwischt worden, wie sie nach 22 Uhr nach Hause gekommen war. Es war streng verboten, das Lager so spät noch zu verlassen. Hinzu kam, daß sie Alkohol getrunken hatte – ein Privileg, das den Händlern vorbehalten war. Torsten genoß eine Sonderstellung, da er Alkohol zum Arbeiten brauchte. Doch als ob das nicht schon genug gewesen wäre, war sie auch noch in Begleitung eines Mannes gewesen, mit dem sie nachweislich nicht verheiratet war. Sie wurde vor die Wahl gestellt: Entweder sie würde innerhalb von 24 Stunden das Lager verlassen und nie mehr wiederkommen, oder sie würde mit dem Tode bestraft. Das Lager verlassen, das bedeutete den beruflichen Tod. Sie würde nie wieder auf einem Mittelaltermarkt arbeiten können! Allerdings hatte der echte Tod dieselbe Konsequenz. Aber Hannelore reagierte gelassen. Den „Priestern“ einen Vogel zeigend machte sie sich auf ins Bett. Am nächsten Tag, das war der heutige Tag, war alles normal gewesen, auf dem Mittelaltermarkt hatten sich alle ganz normal gegrüßt, wie es üblich war, wenn Zuschauer anwesend waren. Aber immer, wenn sie unter sich waren, deuteten die Händler mit einer Handbewegung über ihrem Hals an, was ihr blühte. Sie schien das nicht zu bekümmern. Der Bader ging zu ihr und redete auf sie ein: „Es wird großes Unheil über dich kommen, mein Kind! Flieh, brich auf, solange es dir noch gegeben ist!“ „Aber Bader, seht, die da reden, haben ein recht großes Mundwerk. Allein, glaubt ihr, sie stünden zu dem, was sie da sagen? Wisset ihr nicht, daß sie, allzumal sie doch Händler sein, ihr ganzes Streben darauf richten, ihre Worte über ihre Taten zu stellen?“ Hannelore war die beste Rednerin ihrer Gruppe.
Am Abend kehrte sie heim. Zwei Narren, die Fackeln trugen, erwarteten sie. Sie wurde in die Mitte des Platzes geführt, wo die Händler ihre kultischen Handlungen vollführen. Sie wurde ausgezogen. Man führte sie auf einen Stapel mit alten Werbeplakaten. Sie wurde an dem Laternenpfahl angebunden, der in der Mitte des Platzes stand.

„Dann ist sie gestorben!“ „Wie – bevor sie die Plakate angezündet haben?“ Vor Schreck vergaß Torsten, mittelalterisch zu sprechen. Auch Marina verfiel nun in Alltagssprache. „Ach, die hätten sie nicht angezündet. Das hätte nur geraucht. Sie wollten ihr nur eine Lehre erteilen. Nein, sie wurde erschossen. Von einem Besucher des Marktes, Hannelore hatte ihm die Zukunft vorhergesagt. Im Geständnis hat er alles erzählt. Sie weissagte ihm, er werde in nächster Zeit jemanden umbringen. Da dachte er sich, okay, dann bringe ich sie um.“
„Aber ich dachte … Du sagtest doch, ,sie' hätten sie umgebracht.“
„Ja.“

Mittwoch, 4. Oktober 2017

Das Der KREMagazin – Oktober-Ausgabe: Der Mensch als Haus

Ignaz Kropesch ist 67 Jahre alt, strahlt aber dennoch eine satte Portion Jugendlichkeit aus. Er trägt einen rötlich blonden Stalinschnauzer und hat ein faltenloses, kinderhaftes Gesicht, das übergangslos in seine schimmernde Glatze mündet. Sobald er anfängt zu reden, beginnt er stets zu lächeln. Seine heitere Art führt er auf seinen tiefen Glauben zurück. Kropesch sitzt, während wir das Interview mit ihm führen, auf seinem neu angeschafften Plastikklappstuhl. Er ist ein sehr ruhiger und bedachter Mensch.

Dienstag, 26. September 2017

Der KREM zeigt klare Kante!

Die gestrige Bundestagswahl ist zweifelsohne eine Erdrutschwahl. Während so manche Partei mit altbekannten Gesichtern wie ein Dickmann langsam in der Mittagssonne zerläuft, feiern Politikneulinge satte und saftige Gewinne – das politische Berlin steht Kopf! Da ist es wichtiger denn je, dass alle diskursbestimmenden Meinungsmedien Stellung beziehen. Für Der KREM bedeutet das: Gesicht zeigen. Doch das genügt nicht. Die gesamte Redaktion von Der KREM ist sich darin einig, dass eine symbolische Aktion hier und heute ein Zeichen setzen muss. Am 30. November wollen wir deshalb mithilfe unserer großartigen, ja monströsen Leserschaft, eine Menschenkette bilden. Unter dem Motto „Hand in Hand“ werden wir alle zusammen Farbe bekennen. Diese ausgekaute Floskel nehmen jedoch wir mehr als ernst: Wir wollen ein buntes Fest veranstalten, bei dem jede Farbe hell erstrahlen soll. Wo die Farbskala aufhört, fangen wir an. Deshalb bitten wir euch alle: Kommt! Egal ob groß oder klein, ob arm oder reich, egal ob ihr kommen könnt oder nicht!

Mittwoch, 20. September 2017

Ritt ins Blau – vierzehnter Teil: Kilien Jappsen: Der böse Heinrich

Liebe Leserinnen und Leser,

auch ich möchte Sie nach unserem Weißrußland-Aufenthalt herzlich begrüßen. Wie Sie bereits erfahren haben, war es eine strapaziöse Reise. Da ist fast ein Wunder, daß wir mehr oder wohlbehalten zurückgekommen sind – bis auf einen: Unser langjähriger Kulturredakteur und wiederkehrender Mitarbeiter des Monats (er schrieb mit Abstand die meisten Texte) ist tot: Wilhelm Brannt. Er war aber auch alt, das muß man dazusagen. Also er starb an einer an sich (im Westen) heilbaren Krankheit, aber er war alt. An dieser Stelle auch mein herzliches "Beileid" den Verwandten: Wenn Sie uns anrufen, verraten wir Ihnen gern nähere Todesumstände.

Wir suchen einen neuen Kultur-Redakteur! Bewerbungen bitte an info@derkrem.org!

Vor seinem Tod bzw. bereits vor unserer Weißrußland-Fahrt verfaßte Wilhelm Brannt einen letzten Text, der heute nicht mehr aktuell ist. Aus Rücksicht auf den Toten und weil zurzeit die meisten anderen Redakteure nicht arbeitsfähig sind, lesen Sie ihn hier unverändert und ungekürzt. Ich wünsche Ihnen viel Spaß bei der Lektüre!

Mittwoch, 6. September 2017

Der KREM kehrt zurück

Werte Leser!

Sie wundern sich wahrscheinlich, warum wir ein „Lebenszeichen“ (diesen Text) an Sie aussenden. Diese Verwunderung kann ich gut nachvollziehen, denn nachdem DER KREM eine Art „journalistisches Organversagen“ erlitten hatte, waren alle Autoren vorerst „tot“. „Tot“ im Sinne von „inaktiv“, also lediglich mit anderen Dingen beschäftigt, als mit dem Schreiben von Artikeln. Das bedeutet, dass die Redaktion auch wieder „aktiv“ werden kann, also den beschrieben Zustand des „Tot“-seins einfach verlässt. Damit offenbart sich, dass die gewählte Metapher des Organversagens und des anschließenden Todes völlig falsch gewählt ist.

Lassen Sie uns kurz gemeinsam innehalten.

Samstag, 1. Oktober 2016

Aus der Rechtsprechung des BGH

Der Bundesgerichtshof hat in einer Reihe wenn nicht bahn-, dann doch zumindest (Streit vom) zaunbrechender Urteile eine Reihe von Sachverhalten wenn nicht klar-, dann doch zumindest festgestellt:

Samstag, 18. Juni 2016

Schock! Hitler-Gruß jahrelang Standard-Begrüßung unter Radfahrern!

Rolf-Ralf Fingher (48) staunte nicht schlecht, als er für einen Rechercheauftrag das "Berufsständische Begrüßungsverzeichnis" durchforstete. Die vom Bundesinnenministerium  herausgegebene Liste beinhaltet alle Grüße, die Beschäftigte bestimmter Berufszweige entrichten müssen, wenn Sie sich in Berufskleidung begegnen. "Eigentlich wollte ich den Gruß der Trockenbauer rausfinden", sagt der studierte Theologe.

"Mir konnte zunächst keiner sagen, wo Sie ist!"
Was kaum einer weiß: Es gibt nahezu 800 Begrüßungsformeln, die in den letzten 500 Jahren ihren Weg in die Liste gefunden haben. "Von Aalräucherern bis Zimmermännern ist alles dabei", führt Fingher aus. Seit Jahrzehnten sind jedoch keine neuen Beirufsgruppen hinzugekommen. Bevor Fingher Einblick verlangte, verwaiste die Liste über fünfzehn Jahre. "Mir konnte zunächst keiner sagen, wo sie ist", erinnert sich der Brillenträger (wir reden immer noch von Herrn Fingher). Zum Glück gab es einen pensionierten Beamten, der weiterhelfen konnte: "Von ihm stammt auch die letzte Eintragung", der Gruß der Beamten des Bundes: "Bundesadler Heil!"

Samstag, 27. Februar 2016

Das Der KREMagazin – Februar-Ausgabe: Herr Mann

Liebe Leserinnen und Leser, der promovierte Schriftsteller Arno Mann hat ein Buch über Verfassungsrecht und Roboter geschrieben. Klingt sperrig, dachten wir uns, und luden ihn zum Gespräch ein, damit er es uns genauer erklärt.

KREMagazin: Herr Mann, schön, daß Sie kommen konnten.

MANN: Wie sagt man so schön: mich auch (lacht).

KREMagazin: Ja … Kommen wir doch gleich zu Ihrem Buch: „Roboter sind auch nur Menschen oder: Wie das GG wesenunabhängig zu verstehen ist“. Herr Mann, ganz ehrlich, wir wissen nicht so genau, worum es in Ihrem Buch geht.

MANN: Dann will ich mal quasi „das Kind mit dem Bade ausschütten“, wie man so schön sagt. In meinem Buch geht es, wie der Titel schon verrät, um den Verfassungsrang von Roboterrechten und ihr Verhältnis zu Menschenrechten.

KREMagazin: Und was heißt das?

Freitag, 23. Oktober 2015

Pressemitteilung

Christoph Teusche aus Untersuchungshaft entlassen

Sehr geehrte Damen und Herren,
mein Name ist Heinz-Hans Woldt. Ich bin der Strafverteidiger von Christoph Teusche. Mein Mandant hat mich bevollmächtigt, die Ereignisse der letzten Monate darzustellen.

Wie Sie ja bereits wissen, war Herrn Teusche und anderen Mitarbeitern der Online-Publikation DER KREM die Einreise nach Deutschland verwehrt. Dabei handelte es sich um einen groben Amtsverstoß eines einzelnen Mitarbeiters der Bundespolizei, auf den wir hier nicht näher eingehen können (das Verfahren gegen Herbert Klug1 schwebt noch). Sie mußten dort sehr lange ausharren, da der Fehler lange Zeit unentdeckt blieb. Einige Zeit später wurden Sie dann nach Rußland ausgewiesen – es war das Land, aus dem sie eingereist waren. Dort wurden sie gezwungen, politisches Asyl zu beantragen, was öffentlichkeitswirksam ausgeschlachtet wurde (es ist Ihnen sicher bereits aus Funk und Fernsehen bekannt). Bei der Bearbeitung der Asylpapiere stießen die Mitarbeiter der Föderalen Presseverbesserungsagentur auf Unregelmäßigkeiten – ein im KREM erschienenes Interview mit Wladimir Putin, das (so2) nicht stattgefunden hatte.