Samstag, 15. Februar 2014

In einem Leuchtturm, Teil VII

Michael erwachte in einem Bett. Es war richtig gemütlich. So gut hatte er schon gefühlte Ewigkeiten nicht mehr geschlafen. Das lag wohl am leichten Schaukeln. Offenbar befand er sich an Bord eines Schiffes.
Es klopfte an der Tür. Kurz darauf schloß jemand die Tür auf und kam herein.
„Herein!“, sagte Michael. „Entschuldige, ich habe vergessen, daß du ja unser Gefangener bist“, erklärte ein sichtlich kleinlauter Soldat. Erstaunt stellte Michael fest, daß es einer der Männer vom Schlauchboot war.
„Wieso bin ich ein Gefangener? Weshalb haben Sie andere Sachen an als gestern? Und warum sind wir immer noch auf See?“
„Wieso, weshalb, warum – wer nicht fragt, bleibt dumm“, rezitierte sein Gegenüber die Sesamstraße.
„OK, Sie wollen nicht reden, Freundchen? Dann drehen wir den Spieß mal um!“, sagte Michael mit komisch verstellter Stimme, so als sei er in einem US-Fernsehkrimi der Ermittler. Das ließ den anderen jedoch kalt. Michael probierte es jetzt in Kleinkind-Manier. „Du? Was war'n in der großen Kiste drin, die ihr gestern getragen habt? War das ein Schatz?“
Die Gesichtszüge des anderen erstarrten für den Bruchteil einer Sekunde, doch dann lehnte er sich bewußt lässig an die Tür, die jedoch offen war und nachgab, so daß er beinahe hinfiel. „Was in der Kiste war oder nicht, wird nicht diskutiert!“
„Aber ihr habt's mir versprochen!“ Michael lickte ihn mit Hundeaugen an. „Bütte!“
„Hach … Na gut. Also … Ich und die anderen, die du da gesehen hast, wir sind eigentlich … so 'ne Art Schatzjäger. Wir suchen einen Nazischatz, den Hermann Göring in einer Nacht- und Nebelaktion nach England bringen ließ. Das Flugzeug stürzte ab und fiel ins Meer. Da die Stelle nicht sehr tief war, ragte es knapp aus dem Wasser. Mit der Zeit sammelte sich Sand um das Flugzeug herum, Algen bewuchsen es, es wurde ein beliebter Möwen-Treffpunkt. Na, wie dem auch sei: Jedenfalls erfuhren wir davon durch einen privaten Auftraggeber, der uns bat, gegen großzügiges Honorar den Schatz zu bergen.“
„Aber weshalb die blutverschmierten Stiefel?“ Michael hatte inzwischen wieder seine Erwachsenen-Stimme.
„Wir töten manchmal unschuldige Tiere.“
„Ach so … Tja … Und wer hat mich niedergeschlagen?“
„Das war Mathis. Er ist durchgedreht. Kurz bevor wir die Insel erreichten, auf der du saßest, erhielten wir einen Anruf ...“
„Was für einen Anruf?“
Plötzlich wich das verträumte, redselige Gesicht des Soldaten, der übrigens Markus hieß und kein Soldat war, einer strengen Miene. „Komm mit!“, befahl er.

Bernd und Luca saßen im „Erna's“, einer Hafenkneipe, in der man auch ganz gut frühstücken konnte. Luca hatte Bernd überredet, das zu tun, damit er auf andere Gedanken kam. „Du kannst doch jetzt eh nichts machen. Wenn er tot ist, ist er tot, also er ist natürlich nicht tot ...“ Er hatte das Reden schnell sein gelassen und war mit ihm aufs Festland gefahren. Ständig blickte Bernd auf sein Mobiltelefon, ein stattliches Gerät aus den später 90er Jahren, und sah, ob jemand angerufen hatte. Wenn man auf die Tasten drückte, dann ertönte ein lustiger Dreiklang, der sich von Taste zu Taste ein wenig unterschied. So konnte man einfallsreiche, aber langweilige Melodien bilden, was Bernd jetzt tat, um seine Nervosität zu überbrücken.
Neben ihnen am Tresen lag ein Mann mit blau-weiß geringelter Mütze mit dem Kopf auf dem Tresen. Neben seinem Hocker standen zwei große Tüten von ALDI. Er roch aus allen Poren nach Klarem. Erna hatte ihn nicht rauszuwerfen können, nachdem er hier eingeschlafen war. Jetzt wachte er auf und sah verstört zu den beiden rüber. „Eeh, du da, höä mä aouf!“, sagte er vernuschelt an Bernd gerichtet. Der erschrak und legte da Telefon beiseite. Erna brachte frischen Kaffee. „Füä mi' aou' ain'!“, merkte der Trunkene an.
Schweigend tranken sie ihren Kaffee.
„Hm, lecker, der Schinken!“, meinte Luca. „Hmm … “, meinte Bernd geistesabwesend. Er aß eine Stulle ohne Belag und blickte auf den Fernseher, der raumbeherrschend in der Ecke hing. Es lief etwas über „Hitlers geheime Schätze“. Man sah eine nachgestellte Szene, in der ein Flugzeug abstürzte. Der Ton war abgestellt. Man sah ein im Wasser liegendes Flugzeug, in dem eine Schatzkiste trieb. Ein lautes Tuten riß Bernd aus seiner Lethargie. Im Hafen ereignete sich gerade ein Unfall: Ein Kutter war in die Bahn eines Containerschiffs geraten, dieses konnte nicht bremsen und fuhr auf den Kutter auf, der sofort Schlagseite bekam. „Komm, Bernd, da müssen wir helfen!“ Sie sprangen auf. Der Tresensitzer setzte sich an ihren Platz und trank ihren Kaffee aus.

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