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In einem Leuchtturm, Teil VIII

Michael saß an einem Schreibtisch. Ihm gegenüber saß ein offenbar ranghoher Angehöriger einer militärischen Organisation. Hinter ihm prangte einer US-amerikanische Flagge.
In akzentfreiem Deutsch wandte er sich an Michael.
„So, Herr ...“ Der Mann schaute auf ein Blatt Papier. „Warum bin ich hier?“, fiel Michael ihm ins Wort.
„Ich will offen zu Ihnen sein … Sie sind da zufällig reingeraten. Aber jetzt kommen Sie auch nicht mehr raus. Es tut mir leid!“
„Ich verstehe kein Wort!“
„Ja, also, es ist ganz einfach. Sehen Sie, ich bin Agent Pöhlmann.“ Er sprach das „Agent“ englisch aus, was seltsam klang ob seines Nachnamens. Michael wiederholte die Aussprache: „Agent? Was denn für ein Agent?“ - „Nun ja … Kennen Sie die C.I.A.?“
Michael sagte gar nichts. Er sah Pöhlmann nur mit aufgerissenen Augen an.
„Das heißt vermutlich „ja“. Sehen Sie, betrachten Sie sich als ihr Gefangener.“
„Warum?“, war das einzige, was Michael einfiel.
„Gute Frage, sehr gut!“ Er stand auf und ging in eine Ecke des Raums, um sich einen Kaffee einzugießen. „Auch einen?“
„Äh ...“ Michael war sich nicht sicher, ob er Kaffee wollte. Er wußte gerade generell nicht sehr viel.
„Sie haben sich nichts zuschulden kommen lassen, um es gleich vorwegzunehmen. Sie sind eher eine Art Kollateralschaden.“
„Oh … Das ist … scheiße!“
„Ja, aber so schlimm nun auch nicht. Heute abend können Sie schon frei sein. Sie müßten nur eine klitzekleine Unterschrift leisten. Ich möchte Sie nicht länger auf die Folter spannen. Hiihi, jetzt habe ich schon de Pointe vorweggenommen.“ Er kicherte, ging zu einer Bar und goß sich etwas ein. „Bourbon?“, fragte er. Michael nickte stumm. Pöhlmann goß ein. „Was wir von Ihnen wollen, ist folgendes: Sie unterschreiben, daß Sie vor der Presse berichten, Sie seien gefoltert worden von der CIA. Und dafür lassen wir Sie nach Hause gehen.“
Michael hatte schnell getrunken und war sich nicht sicher, ob er das richtig verstanden hatte. „Sie wollen … daß ich … aussage, gefoltert worden zu sein? Ohne tatsächlich gefoltert worden zu sein?“ „Sie haben's erfaßt.“
„Äh …“
„Nehmen Sie sich die Zeit, die Sie brauchen. Wollen Sie ein Wasser?“
„Warum … äh … warum?“
„Das ist wiederum eine berechtigte Frage. Nun, wissen Sie, die C.I.A. hat in letzter Zeit ein kleines Rassismus-Problem. Wir haben unzählige Araber entführt und foltern lassen. Und jetzt kommen Sie. Damit die CIA beweisen kann, daß Sie nicht in Hautfarbe-Kategorien denkt, haben wir beschlossen, die Entführung eines Weißen vorzutäuschen und ihn von Folterungen sprechen zu lassen.“
„Da bin ich sprachlos“, schilderte Michael das Offensichtliche.
„Das würde mir genauso gehen“, beschwichtigte Pöhlmann. „So, dann könnten wir auch gleich zur Unterschrift kommen, sonst foltern Sie die Taliban.“
„Wieso Taliban? Ich denke, Sie sind die C.I.A.?“
„Ja, aber wir haben hier ein paar Jungs aus Arabien, die wir in dem Glauben lassen, Sie seien Taliban, und die wir gleichzeitig in dem Glauben lassen, Sie arbeiteten für uns. Nur dürfen sie das niemandem erzählen, sonst werden sie gefoltert.“
„Warum tun Sie das? Das ergibt doch überhaupt keinen Sinn!“
„Wir lassen sie in dem Glauben, es ergebe Sinn.“
„Warum?“
„Tut mir leid, das weiß ich nicht. Das ist ein Code Blanche.“
„Code Blanche? Ist das irgend so eine Geheimhaltungsstufe?“
„Nein, das ist ein Weißwein. Probieren Sie mal!“
„Ich bekomme Weißwein?“
„Selbstverständlich! Sie sind doch unser Gast.“
Michael nippte an dem Wein. „Ich bin kein Gefangener?“
„Gefangener ist so ein häßliches Wort.“
„Ach so. Sagen Sie mal, foltern Sie die Araber?“
„Wir dürfen doch gar nicht foltern. Das machen Taliban für uns. Naja, zumindest lassen wir Sie in dem Glauben ...“
„Warum das alles?“
„Weiß ich nicht. Wollen Sie auch gefoltert werden?“
„Nein, natürlich nicht. Was für eine Frage?“
„Was glauben Sie, wieviele Gefangene ...“
„Ich denke, ich bin Ihr Gast?“
„... äh, ja. Wieviele Gäste wünschen, gefoltert zu werden?“
„Das glaube ich Ihnen nicht!“
„Doch! Viele! Vor allem, wenn sie unter Folter gefragt werden.“
„Das ergibt keinen Sinn!“
„Das unterliegt strengster Geheimhaltung!“
„Das war keine Frage.“
„Das behaupten Sie! Zurück zum Thema: Unterschreiben Sie!“
„Und wenn ich mich nun weigere?“
„Dann werden Sie gefoltert!“
„Dann könnte ich ja tatsächlich wahrheitsgemäß von Folter berichten!“
„Nein, über unsere Folter verlangen wir absolutes Stillschweigen!“
„Das ergibt alles keinen Sinn, was Sie sagen!“
„Das entscheide ich, was Sinn ergibt und was nicht!“, giftete Pöhlmann ihn nun an. Die Stimmung war gekippt. „Also – unterschreiben Sie nun?“
„Wenn ich nicht unterschreibe, foltern Sie mich, aber ich darf nicht darüber berichten, das bedeutet, Sie haben Ihr Ziel nicht erreicht. Das ist doch dämlich!“
„Oh doch, Sie werden über Folter berichten, aber nicht die meinen, die sie erlebt haben!“
„OK, ich unterschreibe!“

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