Freitag, 24. April 2015

Die Mär vom Steuer-Mann (6/6)

Der König tobte vor Wut, mußte sich aber den Gegebenheiten stellen. Sie fanden sich allesamt in der Zelle wieder, in der Joachim schon einmal allein gesessen hatte. Niedergeschlagen erwarteten Sie ihre Hinrichtung. Eines Tages kam eine Wache an ihre Zelle. „Hee, Fremdling aus der Zukunft! Steh auf!“ Joachim stand auf. „Hat Hieronymus von Dessau repariert. Er richtet tröstliche Grüße aus.“ „Wer ist denn Hieronymus von Dessau? Ach, „der Weise“, ich verstehe! Dankt ihm sehr, werter Wärter!“
Die Wache zog ab. In dem Moment begann Viktoria Luise Gustebine Adolfine, die jedoch im Zellenjargon nur „Vicky“ genannt wurde, jämmerlich zu weinen. „Gräm dich nicht, Herzblatt, ich habe eine Lösung für unsere mißliche Lage!“ „Du bist wahrlich der weiseste Mensch, den ich je kennengelernt habe. Wie lautet deine Lösung?“ - „Was mir der weise Hieronymus gerade hat bringen lassen, ist der Mechanismus, mit dem meine Zeitmaschine uns in die Gegenwart zurückholt. Ihr müßt mich nur anfassen, während ich ihn auslöse, dann kommt ihr mit ins Jahr 1991!“
Der König und die Prinzessin waren zunächst schockiert, aber der drohende Tod überzeugte sie. Also stellten sie sich im Kreis auf und Joachim betätigte den Mechanismus.
Es passierte nichts.
Sie standen immer noch in dem Kerker, der noch schäbiger aussah als ohnehin schon. Erst auf den zweiten Blick merkten sie, daß nur ihre Zelle noch stand, rings umher war alles verfallen. Auf den dritten Blick bemerkten sie die Schulklasse, die in fünf Metern Entfernung stand und deren Schüler sie fassungslos anblickten.
Joachim mußte nun die Verhältnisse ordnen. „Ihr habt nichts gesehen, klar?“, raunte er den Schülern und der Lehrerin zu. Ein Junge, er war wie seine Mitschüler etwa acht Jahre alt, begann zu weinen. Die Lehrerin starrte die drei immer noch an. Das nutzte Joachim, um die Flucht zu ergreifen. Er faßte seine Begleiter am Arm und rannte los. Sie rannten etwa fünf Minuten, ehe sie den Waldrand erreichten. Da Joachim unweit des Waldes wohnte, würde es ein Leichtes sein, unbemerkt zu seinem Haus zu gelangen. Seine Nachbarn interessierten sich nicht sehr für ihn. Zehn Minuten später waren sie wohlbehalten angekommen. Später beim Einkaufen kam Joachim an dem elektronischen Fahrgastinformationssystem vorbei. Es war der 12. Januar 1992. Er war dreieinhalb Monate weg gewesen. Bei der Arbeit gab er an, Zahnschmerzen gehabt zu haben, was ohne weitere Nachfragen akzeptiert wurde. In seinem Fach stapelten sich Briefe, zudem war für ihn ein Postfach eingerichtet worden, da in der Zwischenzeit viele Steuerpflichtige Klage erhoben hatten wegen verschleppter Bearbeitung ihrer Anträge. Joachim gab die Briefe in die Rechtsabteilung. Der Rest der Arbeit war überschaubar.
Am Abend erwarteten ihn König und Prinzessin. Er hatte die beiden überredet, erst einmal nicht rauszugehen, um nicht aufzufallen. Jetzt konnten sie es kaum erwarten, Zeuglitz zu sehen. Der Königspalast war selbstverständlich noch erhalten und befand sich in einem besseren Zustand als zu Lebzeiten des Königs, wie dieser neidisch anmerkte. Sonst hatte sich aber vieles verändert. Zeuglitz war im Zweiten Weltkrieg schwer bombardiert worden. Joachim hatte den beiden portionsweise die wichtigsten Geschichtsdaten bis zum heutigen Tage erzählt, immer darauf bedacht, sie nicht zu sehr zu überfordern. Jetzt konnten die beiden mit eigenen Augen sehen, wie sich die Welt gewandelt hatte.
Der König mußte sich nach einer neuen Beschäftigung umsehen, da er nicht mehr König sein konnte. Als Kind hatte er neben dem geziemlichen Verhalten bei Hofe nur gelernt, zu jagen. Aber es war keine Stelle als Jäger/Förster frei. Er probierte sein Glück auch als Weinvertreter, aber mit seiner altmodischen Art eckte er immer an. So blieb er arbeitslos, was aber nicht so schlimm war, denn im Grunde war er sein ganzes Leben arbeitslos gewesen, wie er mit einem Augenzwinkern bemerkte. Er wohnte im Dachgeschoß von Joachims Haus, während Vicky unten bei Joachim wohnte. Zwei Monate später heirateten die beiden standesamtlich.
„Du solltest das gerechte Steuersystem hier auch einführen!“, meinte der König eines Tages beim Abendbrot. „Das ist nicht so einfach, wir sind jetzt eine Demokratie!“ - „Rede doch mal mit deinem Vorgesetzten, was der davon hält, dann zieht das immer weitere Kreise!“, wandte der König ein, der sich schnell an den modernen Sprachgebrauch gewöhnt hatte. Also faßte sich Joachim ein Herz und redete mit dem Amtsleiter des Finanzamtes Zeuglitz. Der war begeistert von der Idee und versprach, das Modell bei der nächsten Amtsleiterrunde vorzutragen.
Einen Monat wurde er wieder zu ihm bestellt. „Herr Schüttler, Sie werden vorläufig beurlaubt. Es hat nichts mit ihren Ideen zu tun. Aber unter uns Pastorentöchtern: Es hat natürlich genau damit etwas zu tun! Tut mir leid, Sie stehen jetzt wohl vor dem Nichts! Kurze Zeit später wird wohl die ordentliche Kündigung kommen!“ Kurze Zeit später kam die ordentliche Kündigung und Joachim stand vor dem Nichts. Er trat gegen einen Laternenpfahl.

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