Heinz war eines jener typischen Kriegskinder, die noch ihr Notabitur machen konnten, aber nicht die Möglichkeit besaßen, zu studieren, mangels Geld, mangels Universitäten. Da begann Heinz im Jahr 1948 eine Lehre zum Schriftsetzer und Notenstecher. Nachdem er die Lehre beendet hatte, arbeitete er lange Zeit in diesem Beruf, bis er diesen einen schlimmen Unfall hatte. Er hatte den ganzen Tag das dritte Kapitel eines Romans im Handsatz gesetzt, da bekam er einen Herzinfakt. Er fiel auf die schon gesetzten Lettern und verlor das Bewusstsein. Nach mehreren Stunden wachte er wieder auf – den Infarkt hatte er glücklicherweise überlebt – konnte aber nur graue und silberne Platten sehen, da sein Gesicht auf einem Setzregal lag. Er konnte sich nicht bewegen, er fühlte keine Arme und Beine, lediglich die Zunge schien intakt. Mit dieser schob er hilflos ein paar Os, Ns und Rs vor seinem Gesicht herum, doch das half ihm nicht weiter. Dann donnerte auch noch das übergroße Stempelkissen, von seinen leichten Kopfbewegungen ausgelöst und mit Tinte vollgesogen, auf seinen Kopf, der nun noch stärker auf die Buchstaben gepresst wurde. Es war ein unglaublicher Schmerz, mit dem sich ein ganzer Absatz des Kapitels in seinen Kiefer presste. Erst nach weiteren acht Stunden wurde er von einem Kollegen gefunden und befreit. Doch wie Heinz nun aussah, war nicht mehr schön. In bester Qualität standen fünf und ein halber Satz auf seiner rechten Gesichtshälfte, bis zum Knochen hatte sich der Text in sein Gesicht gegraben. Und es ging nicht mehr weg.
Einige Zeit später reichte Heinz seine Kündigung ein, er
wäre sowieso in vier Jahren pensioniert worden.
Heinz hatte sich erholt, er konnte sich wieder vollständig
bewegen, nur das Gesicht war völlig kaputt. Es hatte sich gänzlich
verformt, die Buchstaben sahen aus, als waren sie halb tätowiert und halb
hineingelötet worden, in sein Gesicht. Aber zumindest schmerzte es nicht mehr
so stark.
Er schämte sich, aus dem Haus zu gehen.
Eines Nachmittags, er war gerade dabei, zu essen, kam ihm in
den Sinn, selber Texte zu verfassen. Er hatte ja seinen Lebtag mit Buchstaben
gearbeitet. Da konnte es ja nicht so schwer sein, sie sinnvoll aneinander zu
reihen.
Das Telefon klingelte: „Heinz Rohse, ja bitte?!“
„Ja, ähh, Kurt hier.“
„Ah, ja, Kurt. Hallo“
„Na, Mensch Heinz, schön dich endlich mal an die Strippe zu
kriegen, ich wollte mich mal erkundigen, wie es dir denn jetzt so geht.“
„Naja, wie soll's mir schon gehen. Ich bin ja nu
arbeitslos.“
„Hmmm ... stimmt“
„Aber ich wär nich olle Heinz, wenn ich nich schon was in
der Hinterhand hätte.“
„Ach ... det is mein Heinz. Und was genau hast du jetzt vor?“
„Ich hab ja nu ewig als Schriftsetzer gearbeitet, was is
also naheliegend, das ich jetz mache? Hmmm?“
„Ja, kein blassen schimmer, aber Heinz, klär uns auf!“
„Der Schriftsetzer wird zu S C H R I F T S T E L L E R!“
„Soso und das kannst du? Meinst du etwa, nur weil das beides
mit Schrift anfängt...“
„Ganz ehrlich ... was ich teilweise so an Texten vor mir zu
liegen hatte ... na das kann ich auch.“
„Meinste?“
„Ja“
„Na, ich bin gespannt. Ich glaub nämlich nich, dass das so
einfach ist, Heinz.“
„Wieso?“
„Naja, weil ... die verdienen doch auch teilweise ordentlich,
da kann das ja nich so leicht sein.“
„Aha aha aha ... denkst du, dass ich zu blöd bin, um Texte zu
schreiben?“
„Nee, aber so der große Künstler warst du ja noch nie so
richtig. Und nur, weil ein Schriftsteller auch irgendwas mit Buchstaben macht,
bist du ja nich automatisch auch einer.
„Aber du, Kurt?“
„Ich sag ja nich, dass ich das selber kann, aber ich glaube
halt nich so recht, dass du das kannst. Du liest ja noch nichmal Bücher.“
„Muss ich doch auch nich. Ich les halt nichts, weil ich
Angst hab, die anderen Autoren beinflussen mich zu sehr und ich kopier die dann
und mein eigener Stil geht dann verloren.“
„Eigener Stil? So einen Schwachsinn hab ich ja noch nie gehört.
Bis du mir nich was zeigst, was du selber geschrieben hast ... naja, mach ma, was
du für richtig hälst.“
„Du warst schon immer so Kurt, immer alles besser gewusst,
aber wenn mal richtig gearbeitet werden musste, dann hat Kurt schlapp gemacht.“
„Was?“
„Ja, selber nichts auf die Kette gekriegt, aber die anderen
immer schlecht gemacht...“
„Sowas muss ich mir nich anhören, ich leg jetz auf.“
„Is auch besser so!“
Heinz war sauer. Er würde es Kurt schon zeigen. Er holte
sich einen Zettel und einen Stift und setzte sich auf seinen Lieblingsstuhl,
den braunen mit Kunstlederüberzug. „Hmm ... was kann man denn dann so schreiben?“,
säuselte er vor sich hin. Die Wut blockierte seine Gedanken, er aber wollte das
nicht zulassen. Vielleicht ein Gedicht?
Gedicht. Von Heinz Ufnowski
Aurich liegt am Meer,
Und ich bin so schwer,
Kurts Gehirn ist leer
Schreiben ist nicht schwer!
Heinz betrachtete das Geschriebene eine Weile. War doch gar
nich mal so schlecht, dachte er, laut prustend. Er besah den Text noch einmal,
dann knüllte er das Papier zusammen und warf es in die Ecke. „Das ist doch scheiße,
warum sollte ich denn schreiben, dass ich schwer bin!“, rief er.
Er versuchte es erneut
Gedicht von Enriko Extra – Heinz hatte inzwischen einen Künstlernamen. Freudig erregt pfiff er durch seine Zähne.
Die Wolken fliegen wie Autos,
durch den Himmelssaal.
Da oben ist es lautlos,
Kurts Kopf ist kahl
Keiner hat die Wahl
Und Kurts Kopf ist kahl.
Euphorisch blickte er auf sein Werk, „na bitte, geht doch,
hahaahaha.“
Er griff das Telefon und rief Kurt an.
„Janeschewski, wer is da?“
„Die Wolken fliegen wie Autos,
durch den Himmelssaal.
Da oben ist es lautlos,
Und Kurts Kopf ist kahl.“
Es herrschte Stille.
„Heinz, bist du das?“
„Jaha, mein lieber, meinste gar nicht, wa? Hast jetzt
gedacht, das ist Shakespeare, wa?“
„Ach du scheiße, hast du dir das gerade ausgedacht? Das ist
ja so was von schlecht, das könnte mein Hund besser.“ Im Hintergrund hörte man
ein lautes Bellen.
„Wie, findste nich gut?“
„Natürlich nich! Außerdem ist mein Kopf nich kahl.“
„Das ist künstlerische Freiheit, das verstehst du natürlich
nich!“
„Mach ma, was du machen willst. Tschö, Heinz!“
Heinz legte sauer den Hörer auf
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