Freitag, 27. März 2015

Ein gefälschtes Bild kommt allein

Ein Maler, der als Kunstfälscher bekannt geworden war, besuchte eine reiche Frau, mit der ihn eine lange Freundschaft verband, erstmals auf ihrem Anwesen. Nachdem sie ihm den Landsitz gezeigt hatte, sagte er zu ihr: „Monika, stell dir vor, bei dem Rundgang habe ich eines meiner früheren Werke entdeckt. Jedoch, du mußt es mir nachsehen, kann ich unter keinen Umständen verraten, welches Bild es ist.“ Die reiche Frau sah ihn an und zuckte mit den Schultern: „Ich hatte mir sowieso gedacht, daß unter meinen Gemälden eine Fälschung ist. Weißt du, ich will es gar nicht wissen. Danke, daß du mich besucht hast. Ich geleite dich noch zur Tür.“


Doch in der Nacht konnte die reiche Frau nicht schlafen. Sie wälzte sich im Bett umher und überlegte krampfhaft, welches Bild Ergebnis eines Fälschungsprozesses sein könnte.
Am nächsten Morgen rief sie den Künstler an. „Bitte sage es mir, ich muß es wissen!“ „Tut mir leid, das kann ich nicht tun. Ich selbst werde vielleicht noch dreißig Jahre leben, aber meine Kunst ist für die Ewigkeit.“ „Ich gebe dir so viel Geld, daß du nie wieder ein Bild malen mußt!“ „Aber ich male für mein Leben gern.“

Einige Jahre später hatte die reiche Frau mit Platznot zu kämpfen. Sie wollte Gemälde verkaufen, um Platz für neue zu schaffen. Ein Kunsthändler kam und besah die Gemälde. Er wies auf ein Landschaftsbild von Max Ernst. „Ich bin überwältigt! Wissen Sie, daß dieses Werk unbekannt ist? Wie lange ist es schon im Besitz des Hauses?“ Die reiche Frau war überrascht. „So weit ich weiß, kam es durch Schenkung befreundeter Industrieller in den Besitz der Familie. Ich müßte mal meine Mutter ...“ „Nicht nötig, nicht nötig. Es kommt immer mal wieder vor, daß wir solche Schätze bergen. Das Werk wird vermutlich in zweistelliger Millionenhöhe weggehen.“ Wenn der wüßte, dachte die reiche Frau, die sich auf einmal an den Besuch des Malers erinnerte.

Der Kunsthändler bemerkte ihre Unsicherheit. „Was haben Sie? Sie schauen ja so, als sei das hier eine Kunstfälschung.“ Die reiche Frau erschrak ziemlich, ließ es sich aber nicht anmerken. „Da haben Sie mich erwischt“, sagte sie gespielt scherzhaft, was sich aber anhörte, als meine sie es wirklich ernst. Der Kunsthändler hatte schon viel erlebt und überspielte die Reaktion der reichen Frau. „Aber im Ernst“, schob sie nach, „ich hänge sehr an dem Bild. Aber ich zeige Ihnen eines, das sicher auch sehr wertvoll ist.“

Sie verließ den Spiegelsaal und kehrte nach einiger Zeit mit einem etwa einen Meter im Quadrat abmessenden Gemälde zurück. Triumphierend hielt sie es dem Kunsthändler hin. „Was sagen Sie dazu?“ Das Bild zeigte einen Clown, der eine Katze streichelte. Es dominierten die Farben Lila, Türkis und Silbern, zusätzlich war auf das gesamte Bild Glitzer aufgetragen.

Der Kunsthändler sah das Bild wenige Sekunden an. Dann sah er langsam zur reichen Frau hoch. „Ich gebe Ihnen fünfzig Euro dafür. Ich brauche noch ein Geschenk für das Schrottwichteln.“ „Wollen Sie dieses Bild etwa verschrottwichteln?“ „Nein, ich habe das nur im gleichen Satz gesagt“, entgegnete der Kunsthändler, dachte sich aber: Von wegen, das habe ich natürlich NICHT nur im gleichen Satz gesagt, das ist das perfekte Kunsthändler-Schrottwichtel-Geschenk! Ich freue mich schon auf das Gesicht eines geschätzten Kollegen! Der wird dumm aus der Wäsche gucken!

Gesagt, getan. Der Kunsthändler kaufte das Clown-Bild.

Eine Woche später kam der Freund mal wieder zu Besuch. Die reiche Frau führte ihn herum, um ihm ihre neuen Anschaffungen zu zeigen. Nach dem Rundgang fragte er sie, wo das Clownbild sei. „Ach das, das war ja nicht so mein Geschmack, da habe ich es verkauft. Ich brauchte Platz für ein neues Bild. Mensch, du hast ja ein Gedächtnis, daß du dich daran erinnerst! Zuerst wollte ich ja das Bild von Max Ernst verkaufen, aber der Kunsthändler kannte es nicht, und da hielt ich es für deine Fälschung, und wenn das rausgekommen wäre, dann hätten sie mich nachher ins Gefängnis gesteckt!“ „Verstehe“, sagte der in seiner Vergangenheit gefälscht Habende. „Wieviel hast du für das Bild bekommen?“ „Fünfzig Euro.“ „Verstehe“, sagte der Frager und verzog etwas die Miene. Er ging noch mal zur Toilette, dann hatte er es auf einmal eilig, wegzukommen.

Als er weg war, wählte die reiche Frau eine Nummer. „Ja, hallo? Verbinden Sie mich bitte mit dem Kunstauktionshaus „Sotheby's“! Danke! Was? Es wird seit achtzig Jahren nicht mehr verbunden, sondern ich soll bitteschön einfach selber da anrufen? Können Sie mich nicht weiterleiten? Ja, ich warte.“ 
Währenddessen klingelte es an der Tür. Der Butler ging und öffnete. 
Am anderen Ende der Telefonleitung ging jemand ran. „Ja, hallo, Auktionshaus Sotheby's? Ich möchte gern ein Bild verkaufen. Von Max Ernst. Ja, ich warte.“ 
In diesem Augenblick betrat der vormalige Kunstfälscher das Telefonzimmer. Als er die reiche Frau sah, hob er an, zu sprechen: „Ich wollte nur eins klarstellen!“ Die reiche Frau sah ihn irritiert an. „Was machst du denn hier?“ „Ich wollte nur sagen, daß ich das Clown-Bild ...“ Er wurde unterbrochen von dem neuen Gesprächspartner am anderen Ende der Telefonleitung.
„Ja, hallo? Ja, ich möchte ein Bild von Max Ernst verkaufen. Es ist ein bisher unbekanntes Landschaftsbild. Ja … Ja … Hm ...“ 
„Also, noch mal wegen dem Clown-Bild …“, meinte der Kunstfälscher. 
Die reiche Frau gab noch ihre Adresse an, dann legte sie auf. 
Der inzwischen nicht mehr Kunst Fälschende hob erneut an. „Das Clown-Bild: Ich habe es gemalt!“ Die reiche Frau sah ihn leicht genervt an. Er setzte hinterher: „Das schwebte zwar schon im Raum, aber ich mag es nicht, wenn der Leser am Ende der Geschichte mit seinen Vermutungen alleingelassen wird. Also, ist das jetzt klar?“

Anm. d. Red.: Parallelen zu real existierenden Personen sind unseres Erachtens nicht zu verleugnen, oder?

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