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Eier in Senfsoße

Die Gastautoren (von rechts nach links): 
Gereon Brandenbrod, Marek Szelman
Stefan, Torsten und Ralph saßen im leeren Wohnzimmer der neuen Wohnung. Sie hatten den gesamten Tag damit zugebracht, Kartons und Möbel hoch zu schleppen. „Sag mal, Ralph, hast du schon was zu Essen in der Wohnung?“, fragte Torsten. „Naja“, antwortete Ralph, „Kartoffeln und Eier müssten da sein. Hast du Hunger?“ Torsten bejahte die Frage. Stefan schaltete sich in das trostlose Gespräch ein. „Hast du sonst noch was da, was man machen könnte?“ Ralph schaute sich um. „Nee, ich glaube nicht.“ Er ging in die Küche und kam mit einem Netz mehlig kochender Kartoffeln und einem Karton mit Eiern aus Käfighaltung zurück. „Das ist alles, da müssen wir wohl sehr kreativ sein, um was draus zu zaubern.“ Torsten sah enttäuscht aus. „Können wir nicht noch was einkaufen gehen?“ Stefan schüttelte seine dicken roten Backen wild von links nach rechts. „Hat alles schon zu. Und Essen bestellen find ich immer zu teuer.“ Die beiden anderen nickten und stimmten auch verbal zu. „Hmmm“, sagte Stefan, während er mit seinen Fingern auf dem Sofa tippte, „was kann man denn mit Kartoffeln und Eiern bloß kochen?“ Er stand auf und musterte die Wohnung. „Ich wette“, sprach er, „dass ich hier noch irgendwas finde, womit wir das Essen aufpeppen können.“ Ralph setzte sich hin und zündete sich eine Zigarette an. „Viel Glück bei der Suche.“ Stefan lief langsam durch den Flur, dann in das Schlafzimmer. Nach einigen Augenblicken rief er laut: „ich hab hier was, Leute!“ Er kam mit einer mattgrauen, feuerlöscherförmigen Metallflasche, die aussah, als wäre sie mindestens 50 Jahre alt, zurück in den Raum. Er wuchtete die Flasche auf den Boden und las vor, was auf dem vergilbten Etikett stand: „Bis(2-chlorethyl)sulfid – SENFGAS“. „Senfgas, was ist das nochmal?“, fragte Torsten. Ralph zog an seiner Zigarette. „Ich weiß es nicht. Aber Senf klingt doch eigentlich gut, da kann man zumindestens was mit kochen, was so ein bisschen Richtung Eier in Senfsoße geht.“ Torsten schaute ein wenig skeptisch. „Haben die das nicht im Ersten Weltkrieg als Chemiewaffe benutzt? Und falls ja, warum hast du sowas, Ralph?“ Ralph schnipste seine Zigarette aus dem Fenster und nahm die Flasche in die Hand. „Tja, ich hab die zum 30. geschenkt bekommen. Ich habe keine Ahnung, was das genau ist.“ Torsten holte sein Smartphone aus der Tasche und öffnete den Senfgas-Wikipedia-Artikel. „So“, sagte Torsten in einem etwas beiläufig klingenden Ton, „… also … ah ja, da haben wir es … ich hatte Recht, die haben das im Ersten Weltkrieg als Chemiewaffe benutzt. Außerdem ist das Zeug bei Zimmertemperatur flüssig, wir könnten also tatsächlich damit kochen … ich scroll mal runter zum Unterpunkt ‚Toxizität‘ … so, ich les‘ mal vor: ‚Lost ist ein starkes Hautgift‘ … nicht wundern, dass hier ‚Lost‘ steht, das ist die chemische Obergruppe von Senfgas. Also … ‚Lost ist ein starkes Hautgift und erwiesenermaßen krebserregend. Die Wirkung auf die Haut ist vergleichbar mit starken Verbrennungen oder Verätzungen. Es bilden sich große, stark schmerzende Blasen. Die Verletzungen heilen schlecht. Das Gewebe wird nachhaltig zerstört und die Zellteilung gehemmt. Großflächig betroffene Gliedmaßen müssen meistens amputiert werden. Werden die Dämpfe eingeatmet, so werden die Bronchien zerstört.‘“ Ralph und Stefan schauten unbeeindruckt zu Torsten. „Nehmen wir das jetzt zum kochen?“, fragte Stefan. „Tja, warum nicht“, antwortete Ralph mit heiterer Stimme. Torsten nickte. „Na super!“, rief Stefan und stellte die Senfgas-Flasche neben die Kartoffeln und die Eier. Ralph hob den Zeigefinger, just kam ihm in diesem Moment ein Gedanke. „Wo ich jetzt das Senfgas da so stehen sehe, fällt mir ein, dass ich schon Pfefferspray und Salzsäure in der neuen Wohnung habe. Ohne Salz und Pfeffer wäre das Essen wahrscheinlich total lasch.“ Die beiden Umzugshelfer sahen hoch erfreut aus und nickten. Torsten rieb seinen Bauch: „Jamjam, Eier in Senfsoße. Wie ich das liebe. Da nehme ich mir immer ordentlich Nachschlag.“ Ralph lief zur Kammer, holte das erst kürzlich verstaute Pfefferspray und die sorgsam verpackte Salzsäureflasche und stellte sie neben das Senfgas, die Eier und die Kartoffeln.

Sollte Giftgas heute zum ersten Mal in der Geschichte etwas Positives bewirken? Kann man Eier in Senfsoße wirklich mit einer Chemiewaffe kochen? Lassen sie uns gemeinsam weiterlesen.

Der wuchtige Stefan nahm alle Zutaten in seinen Arm und stapfte damit lächelnd in die Küche. Ralph öffnete den Umzugskarton, auf dem mit Edding „Küche“ notiert war und holte drei Töpfe heraus. Zwecks Geschirrentnahme öffnete Torsten einen weiteren Karton und deckte schließlich liebevoll den Tisch ein. 15 Minuten später blubberten die Kartoffeln in siedendem Wasser, auch die Eier kochten und bewegten sich wild im Topf umher. Jetzt nahm Ralph die mit großem Totenkopf-Piktogramm gesäumte Senfgasflasche in die Hand und öffnete vorsichtig den mit Kindersicherung verschlossenen Deckel. „Boah, das riecht ja richtig nach Senf. Ich glaube, das Essen wird geil“, urteilte Stefan, nachdem er mehrfach tief in die Gasflasche hineingerochen hatte. Er begann zu husten und zu röcheln. „Oh scheiße, ich glaube, ich ersticke“, hatte Stefan noch halbwegs verständlich artikulieren können, bevor er starb. Ralph, verschreckt von Stefans Tod, hatte versehentlich etwas vom Senfgas auf sein Bein geschüttet und sich damit schwerste Verätzungen auf der Haut zugezogen. Da er deutlich weniger Senfgas eingeatmet hatte, musste er aber kaum husten. Gleichwohl schrie er unentwegt, der schweren Verletzung wegen. Der Bereich seines Körpers, über den er die Flüssigkeit gegossen hatte, verfärbte sich grau, lila und grün und begann langsam Blasen zu schlagen. Je länger das Senfgas von seiner Haut aufgesogen wurde und quoll, desto ermatteter war er insgesamt. Nichtsdestoweniger war er noch in der Lage, sich an das Eier-in-Senfsoße-Rezept von SnackDirWas.de zu machen. Er bewegte sich sehr langsam dabei, zitterte, und wurde immer wieder ohnmächtig, doch sein Heißhunger auf das Essen war augenscheinlich ungebrochen. Torsten, der bisher am wenigsten von dem Senfgas abbekommen hatte, konnte souverän das gemeinsame Kochen anleiten. Doch auch seine Augen tränten und seine Haut begann zu jucken und zu brennen. Das schien ihn jedoch so wenig zu stören, dass er sogar noch zu Witzeleien imstande war: „weißt du, Ralph, Eier in Senfsoße ist einfach nicht jedermanns Sache“, sagte er, auf den Leichnam Stefans zeigend. Während Torsten hustete und über seinen derben Witz zu lachen begann, starb Ralph. Das bemerkte Torsten gar nicht erst. Denn dadurch, dass immer mehr Gas aus der Flasche in die kleine Küche ausströmte, wurden auch Torstens Sinne getrübter. Er hustete mit zusehends blutigerem Auswurf, bis auch schließlich er erstickte. Im Jenseits trafen sich die drei Trottelfreunde wieder und kochten erneut Eier in Senfsoße, diesmal mit richtigem Senf. □


Werte Leser, selbstverständlich hat das Erscheinen dieser Kurzgeschichte einen Grund: Der Giftgaseinsatz im Ersten Weltkrieg jährt sich zum einhundertsten Mal. Die Redaktion Der KREM erkennt die daraus entstandene historische Verantwortung an und versucht dieser gerecht zu werden. Unser Gastautoren-Team Brandenbrod & Szelman hat sich auf künstlerische Weise dem Thema „Giftgas“ genähert und diese obskure Geschichte verfasst. Diskussionen zum Thema bitten wir mit dem Hashtag #KREMgoesWWI zu versehen.

Herzlichst, die Redaktion Der KREM.

Kommentare

Horst Bismarck hat gesagt…
Boah, wie geschmacklos, also im übertragenen Sinne.
Peter Bernt hat gesagt…
Müsst ihr immer solche "Reiz"-Themen nehmen?
Christoph Teusche hat gesagt…
Liebe Kommentator*/-Innen und Kommentatoren,
bitte vergessen Sie nicht die Raute #KREMgoesWWI zu verwenden.
Uwe Leulop hat gesagt…
Und wozu soll der Hashtag gut sein? Wenn ihn alle verwenden? #KREMgoesWWI
Christoph Teusche hat gesagt…
Da fragen Sie den falschen. #KREMgoesWWI
Uwe Leulop hat gesagt…
Ich habe nicht Sie gefragt, sondenr allgemein in die Runde. #KREMgoesWWI
Ole Popolski hat gesagt…
Ich finde es gut, dass sic mit dem KREM ein deutsches Medium seiner Verantwortung stellt! #KREMgoesWWI #deutschland #historischeverantwortung
Christoph Kerler hat gesagt…
Und hinter wievielen Kommentaren steckt jetzt wieder der Fahrenschon? #KREMgoesWWI #erbärmlich
Christoph Teusche hat gesagt…
OK, es reicht, wenn Sie einen Hashtag angeben! #KREMgoesWWI
Uwe Leulop hat gesagt…
Oh Mann, #derkrem und #digitalkompetenz! Ich lach mich kaputt! #KREMgoesWWI
Uta Reichach hat gesagt…
Keine Frauen hier? Meine Güte!
Also meine Lieblingsstelle ist "zwecks Geschirrentnahme", da hab ich mein Abendbrot wieder ausgespuckt! #KREMgoesWWI
Erika Gense hat gesagt…
Ja, das fand ich auch total ROFL! #KREMgoesWWI #zwecksgeschirrentnahme
Was ist eigentlich ein "Gaustautor"?
Volker Pariser hat gesagt…
Danke Erika, du sprichst ir aus der Seele! #KREMgoesWWI #zwecksgeschirrentnahme
Gaustautor ist wohl nen Fehler. Bitte vorher korrekturlesen Leute!#sprachpolizei
Christoph Teusche hat gesagt…
Wir werden uns darum kümmern. Leider haben wir keinen Lektor beim KREM, und einige Autoren haben einen Hang zur Rechtschreibschwäche. Aber wir haben das Zwei-Augen-Prinzip!
Uwe Leulop hat gesagt…
Zwei-Augen-Prinzip! Oh Mann, ihr seid echt zum Schießen!
Volker Pariser hat gesagt…
Hey Leute nicht den Hashtag vergessen! #KREMgoesWWI

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