Samstag, 4. Januar 2014

In einem Leuchtturm, Teil VI

Bei Bernd war inzwischen alles wie gehabt. Eine Vertretung ersetzte Michael. Bernd hatte diesen Abend Dienst. Gelangweilt sah er auf das Meer. In Wirklichkeit war er natürlich besorgt um seinen Kollegen. Die Rettungsflotte war vor drei Tagen losgefahren und noch immer nicht zurückgekehrt. Aber äußerlich ließ er es sich nicht anmerken. Er hatte eine Strategie entwickelt, nach außen lässig zu wirken und die wirklichen Probleme zu verdrängen. Leider verfiel er nach einiger Zeit automatisch in Langeweile, aber das war nur eine Nebenwirkung der wirklich gut funktionierenden Strategie. Das heißt, er war nicht wirklich gelangweilt, sondern seine Langeweile war nur ein Schutzschild. Er dachte an sein früheres Leben als Schrankenwärter zurück. Damals hatte er noch in einer Stadt gewohnt und soziale Kontakte gehabt. Jetzt traf er sich nur manchmal mit den Trinkern vom Festland zum Skatkloppen. Er war es ja gewohnt, allein zu sein, aber gelegentlich, so ein- bis zweimal im Jahr, wünschte er sich, in der Stadt zu sein und was zu erleben. Dann buk er sich eine Pizza und stellte sich beim Essen vor, sie sei von einem Bringdienst.
Manchmal stellte er sich auch vor, er sei Filmvorführer in einem großen, drehbaren Kinosaal, und die Lampe des Leuchtturms war der Projektor. Das Publikum buhte, weil es einen Film sehen wollte, was aber nicht möglich war, solange der Projektor rotierte, und Bernd konnte die Drehbewegung nicht stoppen. Schweißgebadet saß er in seiner Kabine und wußte nicht, was er machen sollte. Das Publikum beschwerte sich dann meistens noch eine Weile und zog dann ab. Die Vorstellung war sehr real.
Luca kam rein. Luca war ein Mann, obwohl Bernd fand, er habe einen Frauennamen. Aber Luca hatte ihm erklärt, das sei italienisch, und da mischte Bernd sich nicht ein, denn mit Italienisch kannte er sich nicht aus. Luca hatte nicht so viele Manieren. Jetzt trug er beschmaddertes Ölzeug und fläzte sich auf dem Sofa. „Mann, Luca, echt jetzt, du bist eine Sau!“ Luca setzte eine beleidigte Miene auf, machte aber keine Anstalten, aufzustehen. Er war gerade mit seiner Ausbildung zum Bademeister fertig geworden, hatte aber keinen Job gefunden. Da er das Wasser liebte, hatte er sich um die Stelle als Aushilfs-Leuchtturmwärter beworben. An sich leistete er gute Arbeit, aber er war sehr chaotisch und nachlässig, was Ordnung und Sauberkeit anging. Wir wollen Luca aber nicht so viel Raum geben, denn er spielt keine Rolle in der Geschichte. Jedenfalls spielte er keine Rolle in Bernds Leben. Er mußte an Michael denken. Seine letzten Worte fielen ihm wieder ein: „Vielleicht sollten wir uns eine Weile nicht sehen.“ Welche Ironie! Welche Prophetie! Ach, er war schuld an seinem Unglück! Wie brüsk hatte er ihn zurückgewiesen, als Michael ihm sein Herz geöffnet hatte. Dabei mochte er ihn doch! Als Freund. Er hatte Angst vor Beziehungen, deshalb saß er ja auch hier im Leuchtturm, und wenn er noch eine Minute Luca ertragen mußte, würde er ihn töten. Nein, das war auch nicht richtig, Luca konnte ja nichts dafür.
Ja, Bernd mochte Michael als Freund. Es ging gar nicht darum, ob er selbst gleichgeschlechtliche Neigungen hatte – diese Frage hatte er sich eigentlich noch nie gestellt. Er hatte aber einfach Angst vor Beziehungen. Eine Beziehung machte immer alles kaputt. So war das mit seinen drei Ehen gewesen, die er bereits geführt hatte. Und leider war es meistens er, der die Geschichte beendet hatte. Er verlor einfach schnell das Interesse, wenn es ernst wurde. Was aber bei Michael noch hinzu kam, war, daß sie Arbeitskollegen waren. Vielleicht sollten wir uns eine Weile nicht sehen. Der Satz könnte auf einem Leuchtturm zu empfindlichen Betriebsstörungen führen. Was Bernd auch nicht klar war, war die Frage, wer der Mann wäre. Er? Michael etwa? Was war er dann? Oder einfach beide? Aber wer war dann die Frau? Vielleicht war er doch heterosexuell, eine „Hete“, wie er in dem Magazin gelesen hatte, das Michael abonniert hatte und dessen ungelesene Ausgaben sich bereits stapelten, seit er weg war. Dort gab es auch den Matrosenanzug zu bestellen, den Michael getragen hatte, als sie sich zum letzten Mal gesehen hatten.
Als Bernd über die Konsequenzen einer Beziehung nachdachte, war er plötzlich ganz froh, daß Michael weg war, aber diesen Gedanken wies er sofort wieder weit von sich. Er mußte ihm doch helfen! Michael war doch sein Freund! Und er war immer noch nicht wieder da! WO steckte bloß der Suchtrupp?
Da klingelte das Telefon.

„Ja, hallo, hier Suchpatrouille, spreche ich mit Herrn ...“
„Haben Sie ihn gefunden?“
„Also: Wir haben Ihnen doch erzählt, daß wir etwas ausprobieren wollten.“
„Ja?“
„Das haben wir ja auch gemacht, und es hat auch funktioniert.“
„Ja?“
„Naja, aber dann hat es in der Praxis irgendwie doch nicht funktioniert.“
„Was soll das heißen?“
„Daß wir Ihren Kollegen nicht finden konnten.“
„Aber … sie habe mir doch seine Position auf der Karte gezeigt?“
„Das ist richtig. Wir waren da, dort befand sich auch der ungewöhnliche, aus dem Wasser ragende … na ja, „Felsen“, aber da war niemand!“
„Aber … Das kann doch nicht sein! Sie berechnen die Reise der Flaschenpost, stoßen tatsächlich auf eine bis dato unbekannte Insel und treffen dort niemanden an?“
„Ja. Aber wir fanden Spuren. Außerdem fanden wir selbstgebaute Möbel und ungewöhnlich viele Möwen, die farblich sortiert nebeneinander saßen.“
„Das kann alles Zufall sein! Aber wo ist Michael?“
„Wir vermuten, daß er von anderen gerettet wurde.“
„Von anderen? Aber … Wo haben die ihn hingebracht?“
„Das wissen wir leider nicht. Ach … Eine Sache sollten Sie noch wissen: Hier wurde offensichtlich nach etwas gegraben. Tief gegraben. Die haben quasi die ganze Insel umgepflügt. Und noch was …“
„Abgesehen davon, daß man in einem Felsen nicht graben kann: Warum denken Sie, daß mich das interessiert? Jetzt suchen Sie Michael!“

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