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Äthioniker

Der Seminarraum war nicht komplett gefüllt. Es war 10:17 und in der letzten Reihe saßen zwei jeweils knapp 3000 Jahre alte Männer.
Der Seminarleiter kam, entschuldigte mit den Worten „Ich stand im Stau und konnte deshalb nicht schneller herfahren“ für seine minimale Verspätung und begann die Sitzung.
Herr Peterichkeit gab die Teilnehmerliste herum und erblickte die beiden uralten Männer, die Etam-Qtrque und Sinefe hießen. Sie waren vor einiger Zeit in einem kleinen irakischen Bergdorf aufgespürt und von der Universität Dinslaken eingeladen worden, das Seminar „Einführung in die äthionikische Kultur - 1500-500 v. Chr.“ zu begleiten.
Man versprach sich eine Qualitätssteigerung der Lehrveranstaltungen am Institut für Altorientalistik, wenn die beiden Zeitzeugen einen kritischen Blick auf den Unterricht hätten. Etam-Qtrque und Sinefe beherrschten nur ausgesprochen schlecht die deutsche Sprache, dass sie so gut wie nichts zum Unterricht beitragen konnten. Ausschließlich beim Entziffern der Keilschrift-Fragmente konnten sie helfen. Sinefe liebte es, vorzulesen.
Im Seminar wurde heiß diskutiert. Konrad, ein spitzfindiger Judaistik- und Altorientalistikstudent, lieferte sich einen verbalen Schlagabtausch mit Herrn Peterichkeit über die Übersetzungsmöglichkeiten der Vorsilbe „effug“, während die beiden Äthioniker aus dem Fenster schauten.
Robert saß schräg neben Sinefe und war fasziniert von dessen Gewand, da dieses schon mindestens 1000 Jahre alt sein musste. Robert griff immer wieder an den Arm von Sinefe, da er den Stoff, der eigentlich in ein Museum gehörte, anfassen wollte. Schon beim ersten Anfassen war Sinefe entsetzt. Beim zweiten Mal sagte er etwas Unverständliches und beim dritten Mal reagierte er auf so ausgesprochen merkwürdige Weise, dass dieses einer ausführlichen Beschreibung bedarf. Robert fasste nun ein drittes Mal an den Ärmel von Sinefes Umwurf und sagte noch: „Krass, wie alt der Stoff ist, dass der nicht schon auseinanderfällt.“ Daraufhin zog Sinefe seinen Arm weg, schaute Robert tief in die Augen und fing an zu schimpfen. Robert war der intensive Augenkontakt unangenehm, er blickte weg. Daraufhin spuckte Sinefe Robert zweimal ins Gesicht und dann auf die Füße.
Robert rastete sofort aus, fing selber an zu schimpfen und ohrfeigte Sinefe ziemlich heftig. Ein nicht unerhebliches Stück Haut blieb an Roberts Hand kleben, Sinefe kippte um und fiel in Ohnmacht. Ein panisches „oh scheiße“ entfuhr Robert. Herr Peterichkeit flippte aus. „Du kannst doch nicht unseren äthionikischen Gast ohrfeigen, der ist fast 3000 Jahre alt! Bei so einer Schelle ist der doch tot!“ Sinefe rutschte auf Etam-Qtrque, auch dieser fiel nun in Ohnmacht. „Scheiße, scheiße, scheiße!“, rief Robert immer aufgeregter. Melissa musste lachen und konnte sich einen Kommentar nicht verkneifen: „Das sieht gar nicht gut aus, Robert! Du hast gerade zwei so uralte, museumsreife Heinis umgebracht. Oder eher kaputtgemacht? Ich meine, die haben ja wohl eher schon einen exponathaften Charakter, als dass man sie noch als Menschen bezeichnen könnte. Ich frage mich gerade, ob ab einem gewissen Lebensalter die Menschenwürde von einem historischen Eigenwert abgelöst wird? Hat da jemand aus dem Seminar 'ne Meinung zu? Wie dem auch sei, du hast einen Schaden verursacht und das wird teuer!“ Herr Peterichkeit versuchte erste Hilfe zu leisten, doch Sinn schien es nicht mehr zu haben. „Verschwinde bloß aus meinem Seminarraum und fass' ja nichts mehr an!“, brüllte Herr Peterichkeit Richtung Robert. Dieser verließ schweigend den Raum, pulte nervös die sehr alte Haut von seiner Hand und fing an zu weinen. Nach einigen Minuten kam Herr Peterichkeit kopfschüttelnd aus dem Seminarraum und lief nervös im Gang umher. „Du Idiot! Die sind tot oder kaputt oder wie auch immer. Melissa hatte nicht ganz unrecht, als sie sagte, dass die beiden musealen Charakter hätten. Boah ey, wie kann man nur so blöd sein?“
Robert zog die laufende Nase hoch, er begann noch viel stärker zu weinen. „Ja Robert, heul' nur, du hast auch allen Grund dazu, du hast jetzt Richtig Scheiße an der Backe...“. Herr Peterichkeit ging zum Fenster und sprach in die Landschaft hinein: „Wann Robert, frage ich dich, hat man denn zwei 3000 Jahre alte Menschen, die man zu allem befragen kann, was noch unerforscht ist? Wir haben doch sonst nur diese Scheiß-Tontafeln, wo kaum zu entzifferndes Zeugs draufsteht! Und jetzt sind die beiden Äthioniker tot! Weißt du was Robert, ich hasse dich!“
„Aber Herr Peterichkeit“, sagte Robert mit verheulter Stimme, während er immer wieder seine laufende Nase hochzog, „das war doch nicht extra. Das Gewand von dem war so superalt und das wollte ich halt mal anfassen ... ich konnte doch nicht wissen, wie der reagiert. Und wie ich dann reagiere.“
„Du wolltest das Gewand 'halt mal anfassen'? So blöd kann man doch nicht sein! Du würdest ja auch nicht die Kleidung von irgendwem jüngeren 'halt mal anfassen'? Robert, halt einfach den Mund! Ich gehe jetzt wieder rein und du bleibst hier!“
Herr Peterichkeit ging wieder zurück. Als er Robert, der zusammengekauert auf dem Boden saß, passierte, gab er ihm einen Tritt. Robert war inzwischen in einen so starken Heulkrampf verfallen, dass benachbarte Seminarräume ihre Türen öffneten, man wollte nachschauen, was los war.
Nach einiger Zeit hatte sich Robert wieder beruhigt. Er stand auf, nahm allen Mut zusammen und öffnete die Tür des Seminarraums - die beiden Äthioniker hatte man inzwischen in eine Kiste gepackt, weitere Schäden sollten dadurch vermieden werden - Herr Peterichkeit saß am Pult und vergab gerade Referatsthemen, das war Robert egal. Er eilte durch den Raum, zur Kiste mit den beiden Toten, nahm diese und verschwand. Herr Peterichkeit versuchte ihn einzuholen, vergebens. "Was soll das? Bring die toten Körper wieder her!" brüllte Herr Peterichkeit durch das Gebäude, "bring die toten Körper wieder her..."

von Wiola Kausswandt

Kommentare

Flasche Kaffeeverweeß hat gesagt…
Wiola, bist du es wirklich?
Wiola Kausswandt hat gesagt…
Flasche? Ja, ich bin es! Es tut mir alles so leid!
Flasche Kaffeeverweeß hat gesagt…
Ich habe auf deine Antwort gewartet. Jeden Tag bin ich in nach Leopoldstadt gefahren. Ich habe auf dich gewartet...

Anscheinend hast du deinen großen Traum vom Schreiben nun tatsächlich verwirklicht. Ich kann mich noch genau erinnern, wie du immer von irgendwelchen 3000 Jahre alten Leuten erzählt hast und daß du irgendwann ganz groß rauskommen wirst. Glückwunsch
Wiola Kausswandt hat gesagt…
Was hätte ich denn tun sollen? In Whitesworth-Cooth hatte ich einfach keine Aussichten. Ich hätte dich doch mitgenommen ... aber du wolltest ja bei deiner kranken Tante bleiben. Außerdem konnte ich mich nicht sofort melden, da Eugene, mein Mann, sonst Verdacht geschöpft hätte.
Flasche Kaffeeverweeß hat gesagt…
Du bist verheiratet?
Wiola Kausswandt hat gesagt…
Ja, aber doch nur für dich. Mein Mann heißt Lord von Simmen, er hat Ländereien, das kannst du dir gar nicht vorstellen. Bald wirst du nachkommen können, dann gehört das alles uns!
Wiola Kausswandt hat gesagt…
Oh scheiße ... Lord, das stimmt alles gar nicht! Es gibt keinen Flasche Kaffeeverweeß, das ist alles nur erdacht.
Lord von Simmen hat gesagt…
Das glaube ich dir nicht mehr, Wiola! Ich wußte, daß du in deiner deutschen Heimat dunkle Geheimnisse vor mir hast. Verschwinde von meinem Anwesen. Unsere Ehe wird es niemals gegeben haben!
Wiola Kausswandt hat gesagt…
Österreich, mein Lieber, Österreich ;-)

Aber so glaube mir doch, es gibt keinen Flasche! Ich habe dir alles erzählt, was es über mich zu wissen gibt! Nur du und die Literatur, das ist mein Leben ... oh Lord!
Flasche Kaffeeverweeß hat gesagt…
Wie soll ich das denn verstehen?!?
Achso, okay, ich schreibe besser nichts, sonst wird unserer Plan auffliegen.
Lord von Simmen hat gesagt…
Nungut, meine liebe Wiola, ich werde deiner Aussage Glauben schenken. Ich bin nur zurzeit ein bisschen angespannt, da doch morgen Earl van Sweenedijk aus Louis-Chester kommt, um mit mir über meine Kandidatur zu sprechen ...
Haushälterin Margaret hat gesagt…
Oh oh oh, Lord, wenn Sie sich da mal nicht irren. Ich glaube, Wiola spielt da ein ganz böses Spiel mit Ihnen ... Passen Sie bloß auf.
Hans Paetsch hat gesagt…
Hoffen wir, dass unseren zwei Freundinnen nicht doch noch etwas dazwischen kommt, ehe sie ihren Plan verwirklichen können ...
Stastssicherheit hat gesagt…
Verstehe ich das richtig, Robert ist schneller, obwohl er die zwei Leichen tragen muss? Das stinkt doch zum Himmel!
Proboslaw Przebrzebinski hat gesagt…
Eigentlich sprechen wir in so einem Fall von Körpern, nicht von Leichen ...
Rüdiger Schuppinsky hat gesagt…
Noch mal von wegen dem Vogel-Text. Das habe ich heute in der Zeitung gelesen: https://www.facebook.com/photo.php?fbid=10152362532584994&set=a.186737799993.155561.131582549993&type=1&theater
Lord von Simmen hat gesagt…
Wie bitte? Was soll das? Was wollen denn bitte "Staatssicherheit", Proboslaw Przrzrz...", "Hans Paetsch" und Rüdiger Schuppinsky" hier?

Wiloa, versprich mir noch einmal, daß du mich nicht belogen hast und es Flasche wirklich nicht gibt
Lord von Simmen hat gesagt…
Wiola meine ich! XD
Wiola Kausswandt hat gesagt…
Ja, Lord, ja. Ich schwöre es dir

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