Freitag, 10. Oktober 2014

Die Mär vom Steuer-Mann (3/6)

„Tritt vor, Joachim!“, befahl der König.
Joachim stand auf, und begab sich zu der Stelle, an der die anderen Leute gestanden hatten. Er vermied es, den König anzusehen, stattdessen hielt er den Kopf leicht gebeugt.
„Du bist also aus der Zukunft?“, fragte der König.
Joachim bekam weiche Knie. „Ähm … Es … Also …“
„Hast du eine Geisteskrankheit? Ist dir die Zunge gelähmt?“
„Äh … Nein! Ich … bin aus der Zukunft!“
„So so …“ Der König erhob sich und lief durch den Raum. „Diener!“ - „Eure Hoheit?“ „Hole mir den Schneider her, ebenso den Bader!“ „Sofort, eure Hoheit!“ Der Diener machte einen Diener und verschwand. Der König widmete sich wieder seinem Gast. „Aus welcher Zukunft kommst du? Welches Jahr schreibt man in deiner Zukunft?“
Joachim hatte das Gefühl, daß das Gespräch einen Verlauf nahm, der ihm möglicherweise zugutekam. Dennoch war er so angespannt, daß er erst ein paar Sekunden nachdenken mußte, in welchem Jahr er denn eigentlich gelebt hatte. Gleichzeitig lähmte ihn der Gedanke, daß der König jegliches Zögern womöglich als Lüge wertete.
„Ich … komme aus dem Jahr … 1991!“
„1991 … also MCMXCI … hm …“ Der König dachte nach. Joachim überlegte, wie der König den Wahrheitsgehalt dieser Aussage überprüfen wollte. Ihm fiel plötzlich ein, daß er vielleicht durch Wissen über bald geschehende Ereignisse zumindest seine generelle Fähigkeit zum Zeitreisen unter Beweis stellen konnte. Allerdings hatte er ja mit 1759 extra ein Jahr gewählt, in dem nicht viel passiert war. Er hätte das alles doch besser planen sollen! Während er noch nachdachte, ob ihm nicht doch irgend etwas einfiel, das passieren würde, kam der Diener zurück, und er brachte den Schneider und den Bader mit.
„Eure Hoheit, der Schneider Radelitz und der Bader Burich.“ Die beiden machten einen Diener. „Seid gegrüßt, ihr Lieben! Ich bin euch sehr dankbar, daß ihr kommen konntet“, sagte der König. „Wir haben hier einen Fremdling aus der Zukunft, das ist es jedenfalls, was er behauptet. Schneider Radelitz – überprüft doch bitte seine Gewänder und sagt mir, ob ihr Vergleichbares schon gesehen habt! Bader Burich – ich bitte euch, macht euch ein Bild von der körperlichen Verfassung des Mannes. Vielleicht entdeckt ihr ein Indiz für unsere Nachforschungen. Verzeiht, daß der Fremdling in solch schlechter hygienischer Verfassung ist – daran trägt unser Kerkermeister Schuld! Ich habe ihm schon oft gesagt, er möge für eine ansprechende Hygiene der Gefangenen Sorge tragen, doch der Kerl hat seine besten Tage hinter sich und schert sich nicht darum, was andere sagen, und sei es der König!“
Radelitz und Burich begaben sich zu Joachim und begannen ihn zu untersuchen. Burich besah interessiert die Gleitsichtbrille, die Joachim trug. Fasziniert begutachtete er den Schliff. Radelitz inspizierte mit einer Lupe das Gewebe des Pullunders, den Joachim immer noch trug. Fasziniert pfiff er auf. „Dieses Gewebe ist mit einer Präzision gewebt, die ihresgleichen sucht. Selbst die fleißigen Weber von Wermstedt vermögen nicht solch großartiges Meisterwerk zu vollbringen! Schnitt und Farbe sind jedoch von bemerkenswerter Abartigkeit. Ich bezweifle, daß dieses Gewand eines Menschen Kleidung sein soll!“ Daraufhin hob Burich an: „Majestät, an der Hygiene dieses Mannes ist nichts zu finden, außer, daß seine Zähne in allerbestem Zustand sind. Die Gläser, die er trägt, sind mit einer Präzision geschliffen, wie es wohl kaum eine Menschenhand vermag! Nicht einmal die tapferen Schleifer von Wumpitz können solche vollendete Kunst vollbringen!“
„Ich danke euch, ihr könnt gehen! Nun, Joachim, es scheint, als könnte deine Aussage wahr sein. Du mußt aber verstehen, daß ich nach wie vor Zweifel habe. So sag mir doch, Joachim, was wird in der Zukunft geschehen? Wie kommt es, daß die Webart deiner Gewänder von unendlicher Präzision zeugt, gleichsam der Schliff deiner Brille?“
„Nun, eure Hoheit, ich will es euch sagen“, sagte Joachim, und bemühte sich um altmodisches Vokabular. „Das Gewand ist nicht von Menschenhand gewebt, sondern mithilfe einer Apparatur, die dieses automatisch erledigt. Desselbigengleichen wurde auch die Brille mithilfe einer Apparatur geschliffen. In der Zeit, aus der ich komme, übernehmen diese Apparate vieles: Sie ersetzen die Pferde in der Kutsche, sie ersetzen das Feuer im Herd und sie ersetzen auch … nun ja, alles mögliche eben.“
Der König sagte nichts. Er wiegte den Kopf hin und her, dann richtete er das Wort an die Palastwache. „Wache, was meint ihr? Redet der Mann wahr?“ - „Nein, er lügt, eure Hoheit! Nehmt euch vor ihm in acht, er führt gewiß Böses im Schilde!“ - „Was meint ihr, Diener?“ - „Eure Hoheit, ich habe keine Meinung zu diesem Geschehen, ich bin lediglich euer Diener!“.
Der König dachte noch eine Weile nach, dann sprach er zu Joachim: „Es ist mir kein Leichtes, dir zu glauben, Fremder, wenn du mir nicht einen Beweis darbringst, den ich überprüfen kann.“
Joachim dachte nach. Gab es denn kein historisches Ereignis, an das er sich erinnerte?
Da fiel ihm ein, daß er ja auch auf wissenschaftliche Erkenntnisse der Geschichte zurückgreifen konnte, zum Beispiel ungelöste mathematische Probleme. „Eure Hoheit! Zwar vermag ich nicht, Daten der näheren Geschichte zu verkünden, da ich keine Hintergrund-Informationen besitze. Allein, ich kann Euch ein mathematisches Rätsel lösen, das zu Eurer Zeit unlösbar scheint.“
„Nun, Fremder, dies erscheint mir als eine gute Lösung. Ich werde sogleich den Weisen rufen lassen.“

Kommentare:

Ronald Toujours hat gesagt…

Gäääääähn...hoffentlich war das schon der letzte Teil...

Rüdiger Fahrenschon hat gesagt…

Achten Sie doch bitte auf den Titel. Es folgen noch mindestens drei Teile.

rsf

Christoph Teusche hat gesagt…

Danke, Rüdi!

Kommentar veröffentlichen