Direkt zum Hauptbereich

Güşbeşet’s Dream. Kapitel 4: Besuch aus China

Dao Li, Zeichnung: Güşbeşet Khoud
Tja ja, morgen kommt Besuch aus China. Der Großcousin oder so von meiner Mama. Oder ist es der Schwippcousin? Ich habe keine Ahnung. Ich habe das nie verstanden mit diesem „Schwipp“. Auf jeden Fall heißt der Mann Dao Li. Sehr chinesisch, wie ich finde. Herr Dao Li, einmal die Nummer 48 bitte, genau „Ente kloss mit viel schalf“, so in etwa. LOL. Nee Spaß, dieses L-R-Ding bei den Chinesen stimmt gar nicht, die können ganz normal reden. Also ganz normal nicht, aber auch nicht total bescheuert. Auf jeden Fall, Dao Li kommt ungefähr dreimal im Jahr zu uns in die Wüste, das ist aber klimatisch gar kein Problem für den, weil der wohnt selbst in der Wüste. Der kommt aus Loulan, das ist in Xinjiang. Xinjiang ist ganz im Westen von China, wo die Taklamakan-Wüste liegt. Außerdem ist Loulan, bei Wikipedia nachlesbar, eine „Ausgrabungsstätte“, also im eigentlichen Sinne gar keine Stadt. Das stimmt, mein Schwipp-Groß-Wasauchimmer-Cousin hat sich da, im Schatten der Archäologen, in einer kleinen selbstgebauten Hütte einfach so niedergelassen. Eigentlich kommt er aus Shanghai, aber das war ihm zu laut und zu groß, hat er gesagt. Verständlich, da wohnen Pi mal Daumen 10 Millionen Leute, das wäre mir auch zu stressig. Nichtsdestotrotz ist das natürlich total strange, dass der so ein paar Archäologen belagert. Ich würde den ja wegjagen, wenn ich da Knochen ausgraben müsste, aber ganz ehrlich, das ist nicht mein Bier. Auf jeden Fall kommt der morgen zu uns und bleibt dann eine Woche. Meine Mama kann ein bisschen chinesisch, also um jetzt mal ultrakorrekt zu sein, Mandarin, so heißt das da. Ich kann das null. Also ganz im Ernst und mit Sahne drauf, ich kann das null. Ich muss auch immer lachen, wenn Li spricht, das klingt einfach megalustig. Mama haut mir dann immer auf den Hinterkopf. Ich muss da schon Hornhaut von haben, so oft hat die mir schon auf den Kopf gehauen. Aber Li ist ganz cool. Wir können zwar überhaupt nicht miteinander sprechen, aber zumindestens kann er ganz gut FIFA zocken. Ich nehm‘ immer Madrid, Ronaldo ist der absolute Oberhammer. Li bastelt sich immer so eine Uiguren-Mannschaft zusammen. Und was ist das Resultat: Er verliert immer, weil A: Seine Selbstgebastelte Mannschaft ist einfach scheiße, die haben total schlechte Werte, immer unter 50% Spielerfahrung und so. Und B: Ich zocke einfach mal bestimmt 100 Mal mehr als er FIFA. Okay, er hat wahrscheinlich kein Internet in seiner Hütte und auch keinen Fernseher, aber dafür ist er echt ganz gut. Aber gegen mich hat er einfach keine Chance. Ach was, Li ist schon ein echt netter Kerl, total unaufgeregt. Eigentlich ist er von der Mentalität her so wie wir hier. Tja, und jetzt ist meine Mama gerade damit beschäftigt eine Riesenmenge Pilaw zu kochen. Sie kann das wirklich nur in Regentonnenmenge kochen, drunter geht’s nicht. Ich versteh' das gar nicht, man kann doch die Einzelmengen der Zutaten runterrechnen und dann kann man theoretisch einen normalen Kochtopf voll davon kochen. Aber nein, meine Mama kann nur 100 Kilogramm Pilaw kochen. Erstaunlicherweise sind aber immer genug Leute da, um das dann aufzuessen. Auch Li mag das, wir haben das schon oft gemacht, wenn er zu uns gekommen ist. Er ist dabei aber immer total verlogen genügsam. Ich erklär das mal: Er sagt immer zu meiner Mama, er braucht nicht viel, er isst bei sich zuhause auch nur ein Mal am Tag was. Aber dann nimmt er sich mindestens acht Mal nach und grinst uns alle an. Leute, das ist ja kein Problem, ich gönne es ihm und das Essen soll ja auch nicht übrigbleiben, ich verstehe aber nicht, warum er nicht einfach zugibt, dass er eine Fressmaschine ist. Ich gebe das auch zu. Wenn ich zu Mahmoud in den Kiosk gehe, kaufe ich mir immer drei Tafeln Nougatschokolade. Ich esse die noch auf dem Rückweg nach Hause auf. Und, mache ich da ein Geheimnis draus? Nö. Warum sollte das auch nicht klar gehen. Manche Leute essen halt mehr und manche weniger. Das ist total normal. Manche Leute sehen auch aus wie ein Scheißhaufen und andere sind Schönheitskönige, das ist die Vielfalt in unserer Welt, die wir uns übrigens nur geborgt haben. Okay, ich hör auf, das ist zu viel. Aber jetzt im Ernst: Li darf so viel fressen wie er will, mich freut’s sogar, weil ich Pilaw gar nicht sonderlich mag und ich dann nicht die ganzen Reste aufessen muss wie sonst immer. Was ich aber für mein Leben gerne esse sind diese Marzipan-Kamele, kennt ihr die? Die sind der Hammer, die sind so exorbitant lecker, dass ich neulich so viele davon gegessen habe, dass ich kotzen musste. Das Gute bei uns hier ist, dass wenn man auf Sand kotzt, dass die Kotze dann, wie soll ich sagen, gleich so gebündelt ist. Die Kotze kann halt nicht wegfließen, weil der Sand das zusammenhält. Und wenn man dann noch Sand rauf streut, dann ist die Kotze praktisch weg. Ich habe mal Bilder vom Oktoberfest gesehen, da ist alles voll von Kotzematsch auf diesem Hügel, das ist einfach nur megaekelig! Hier ist das schön steril im Sand verpackt und wird auch gleich direkt von Mutter Natur aufgesogen. Habe ich jetzt gerade im Ernst noch was über Kotze geschrieben? Oh man. Egal.

Auszug aus: Solomon Kerç (Hg.): Güşbeşet’s Dream. Fairytales of a Central Asian Adolescent, Birmingham/London 2012, ins Deutsche übersetzt von Nero Sandener. 

Kommentare

Anonym hat gesagt…
Irgendwie bedrückend! Keine Ahnung warum, aber mich macht das sehr traurig.
Akin Güschbeschet hat gesagt…
Ein beeindruckender Coming-Of-Age-Roman, der liebevolle Charakterstudien vornimmt, seine Protagonisten aber nie vorführt. Damit kann ich gar nichts anfangen.
Christoph Teusche hat gesagt…
Schade, das zu hören, lieber Herr Güschbeschet. Sie sind nicht zufällig mit Güşbeşet Khoud verwandt?
Akin Güschbeschet hat gesagt…
Wieso, weil ich Güschbeschet heiße, oder was? Das ist so rassistisch!
Christoph Teusche hat gesagt…
Also, ich bin da weiß Gott kein Experte, glaube aber nicht, daß das jetzt schon rassistisch war. @Community: Kann mir da jemand zur Seite springen?
Anonym hat gesagt…
Ich denke, dass es (nicht) rassistisch ist.
Rüdiger Fahrenschon hat gesagt…
Christoph, IRGENDWAS MERKWÜRDIGES geht in meinem Kopf vor. Ich habe das Gefühl, dass alles, was wir die letzten Jahren hier geschrieben, gepostet, veröffentlicht haben, so unendlich sinnlos ist. Denkst du das auch?

PS. Ich sitze hier oben auf dem Ahorn in unserem Redaktionswald. Hinten, beim Mückenteich. Seit vier Tagen. Kann mir bitte jemand runter helfen? Ich ernähre mich seit vorgestern ausschließlich von rohen Taubeneiern, die hier glücklicherweise in so einem ringförmigen Ästedings ... äh ... na komm schon, wie heißt das? Nest! Genau, Nest. Die hier in so einem Nest (grinst) liegen. Die sind sehr unappetitlich. Also helft mir bitte. Internet ist aber gut hier oben. Kann hier auch noch bleiben. BAUM
Justus Matereit hat gesagt…
Hey Rüdi, hatte das Problem auch neulich :)

Beste Grüße
Christoph Teusche hat gesagt…
Ich fasse es nicht ...

Beliebte Posts aus diesem Blog

Der Herr des Rings

Es war einmal ein Land, das war nicht von dieser Welt. Es lag im Gestern, hinter dem Schleier oder, sagen wir, zwischen Donnerstag und Freitag. Die Wesen in diesem Land waren keine Menschen, aber doch menschenähnlich, jedoch mit einer körperlichen Abweichung, in etwa von der Art wie zwei Widderhörner auf der Stirn. In diesem Land lebte auch Theuro. Theuro hatte keine Widderhörner. Seine Eltern machten sich Sorgen um ihn. Nicht nur, daß er anders aussah als die anderen, er lebte auch in einer anderen Welt – im übertragenen Sinne diesmal. Theuro gab nichts auf die zahlreichen Konventionen, er konnte nichts und niemanden ernstnehmen. „Junge, dir wird großes Unheil widerfahren“, das waren die Worte der Mutter, wenn er mal wieder die ungeschriebenen Regeln des Zusammenlebens gebrochen hatte. „Mir schwant Übles“, pflichtete ihr dann der Vater bei. Eines Tages ging Theuro sein Einhorn ausführen, da traf er am Wegesrand eine Fee. Feen waren nichts Ungewöhnliches in dem Land, in dem Theuro le…

Die Gitarre

Am 17.02.2011 ging Walther Benarsky in Sölden zu dem Gitarrenbauer Franz Merten. Benarsky betrat den Laden, schaute sich ein wenig um, freute sich und schritt sodann zum Verkaufstresen: „Guten Tag, mein Name ist Benarsky, wir hatten telefoniert.“ Darauf der Gitarrenbauer: „Benarsky, Benarsky, genau, Benarsky! Tut mir leid, ich war gedanklich noch woanders. Genau, ich hole gleich mal ihre Gitarre, sie ist tatsächlich erst gestern Abend fertig geworden. Aber schön ist sie.“ Sodann verschwand er in einen kleinen Hinterraum. Er pfiff fröhlich die Melodie des Horst-Wessel-Liedes.

Zwei Jahre DER KREM

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kinder!
Es ist mir – davon bin ich überzeugt – eine Ehre, heute hier an meinem Computer zu sitzen und Ihnen diese Rede zu schreiben. Als technikaffiner Akademiker mit Do-it-yourself-Mentalität stehe ich dem Internet offen gegenüber. Mehr noch: Als Mensch ohne Migrationshintergrund bin ich (auch fachlich) interessiert, wie Informationsströme Grenzen überwinden und dabei soziale Prozesse auslösen. Damit nicht genug: Als besorgter Bürger mache ich mir Sorgen um unsere Sicherheit. Praktisch: Als gelernter Hubschrauberpilot kann ich Hubschrauber fliegen. Heute aber spreche ich zu Ihnen als der Techniksoziologe, der sich mit Leib und Seele der Techniksoziologie verschrieben hat. Gestatten, mein Name ist Kiter Verbel.