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Ritt ins Blau | Merten Cramer: Wildes Holz

Mein Vorgänger Wilhelm Brannt – Gott habe ihn selig! – hat sich ja mit zunehmender
„Lebenserfahrung“ sehr an den Biographien und persönlichen Eigenheiten der Verfasser ausgelassen, selbst wenn schon das Verfasste selbst Grund genug bot, es abzulehnen. Ich möchte mich folglich wieder etwas mehr dem Werk widmen und von der Person weggehen. Das heißt freilich nicht, dass der Lebens- und Schaffensgeschichte des Künstlers nicht auch ein paar Worte zugedacht werden (müssen).

Diesmal will ich den neu erschienenen autobiographischen Roman „Wildes Holz“ von Merten Kramer vorstellen, der bei Völlers & Dekow erschienen ist. Merten Kramer, eigentlich gelernter Buchhalter, kam erst spät zur Schriftstellerei, die er nach eigenem Bekunden „in der Schule des Lebens“ gelernt hat. Dennoch fand sein Debütroman „Zahlen“ im Jahr 2007 viel Beachtung in den Feuilletons. Zwar geht er etwas zu ausführlich auf den von der im Mittelpunkt der Handlung stehenden Firma „DataBasic“ vorgestellten Rechenschaftsbericht ein, diese Schwäche wird aber dadurch wieder wettgemacht, dass er mit kurzen, geistreichen Sätzen das Ganze wieder einfängt und auf den Punkt bringt. Seine weiteren Bücher blieben dann hinter den – zugegebenermaßen hohen – Erwartungen zurück. Nun also die Autobiographie, von vielen Schreiber*innen als letzter Rettungsanker gesehen, als Mittel, das Ruder noch einmal rumzureißen. Wer interessiert sich nicht für eine Geschichte über einen Menschen, einen prominenten noch dazu? Eleanor Roosevelt wird folgendes Zitat zugeschrieben: „Great minds discuss ideas, average minds discuss events, small minds discuss people.“ Gleich im Vorwort beeilt sich der Autor, zu erwähnen, dass der Roman eben nur „autobiographische Züge“ trägt. Nun gut. Das könnte eine spannungsreiche Idee sein, wenn man sich immerzu fragt, welche der geschilderten Episoden der Schriftsteller nun selbst erlebt hat und welche nicht. Um es vorweg zu nehmen: Die Vorfreude wird enttäuscht. Es sind nicht mal die wenig dezenten Hinweise am Anfang eines Kapitels, die den Spaß verderben – z.B. in Kapitel 18: „Diese Geschichte hat sich wirklich genau so zugetragen!“ - oder in Kapitel 23: „Leider ist folgendes Ereignis nie geschehen!“ Schlimmer ist, wie ereignisarm sich Kramers Leben offenbar darstellt. Jedenfalls nutzt er jede sich bietende Gelegenheit, um zu langweilen. Besonders schlimm sind ausführlichste Beschreibungen seiner Umgebung: „An diesem Teppich kannte ich jedes Detail: Er bestand aus 236 15x15 cm großen Flicken in den Farben rot (60-mal), gelb (60-mal), blau (59-mal) und grün (57-mal). Das von der Tür her dritte Quadrat von links in der siebten Reihe von oben wies einen schwarzen Fleck auf; in der vierten Reihe stieß man bei Quadrat Nummer acht hingegen eine kreisförmige Ausbleichung.“ (Kapitel 4). Wer jetzt erwartet, eine interessante Geschichte zu diesen Artefakten zu erfahren, wird bitter enttäuscht: „Keine Ahnung, woher diese Verfärbungen kamen. Ich glaube, der Teppich wurde schon so geliefert, aber dann haben wir ihn erst ausgepackt, als die Umtauschfrist abgelaufen war. Ja, ich glaube, so war es.“ Anderes Beispiel gefällig? Nein? Pech gehabt: „Ich schloss in einem Schwung die Tür auf. Nach einem Mal Drehen öffnete sie sich – dabei war ich sicher, sie morgens zweimal abgeschlossen zu haben. Beim Betreten der Wohnung bemerkte ich eine abgenutzte Stelle an der Türschwelle. Ich hätte schwören können, dass sie heute morgen noch nicht da war.“ (Kap. 16) Und – sind Einbrecher in der Wohnung oder was? „Hm. Ich konnte es mir nicht erklären. Vielleicht war die Abnutzung einfach durch das häufige Betreten der Schwelle entstanden. Man guckt ja auch nicht immer jeden Tag nach, ob sich auf der Stelle eine abgenutzte Schwelle befindet.“ Hier ist wirklich alles Murks. Das Schildern ins Nichts führender Gedankengänge inkl. Interjektion, gepaart mit dem unpersönlichen „man“ - das ist pure Folter! Da lobe ich mir noch Niklas Rohde, der in seinen „Abhandlungen über einen Vagabunden“ zwar auch langatmig wird, aber wenigstens keine Banalitäten erzählt: „Die Windmühle sah aus wie gemalt. Sie stand auf einem Feld, auf dem teils Raps, teils Mais angebaut wurde. Zwei Bewässerungsgräben zogen sich durch die Landschaft. Sie entwässerten in die Schleyer, die drei Kilometer nordwärts floss. Am Himmel zogen Cumullus- und Stratocirruswolken dahin, und zwei Rehe und drei Feldhasen vervollständigten das Bild.“ Sehen Sie den Unterschied? Das eine nervt, das andere nervt auch, aber mit Charme.

Kommentare

Ernhold Meisterson hat gesagt…
Also der Fabian ist ja wirklich 1 cutes Monster!!!
Dariug Pliessmer hat gesagt…
Warum rezensiert man sowas? Das ist doch offensichtlich scheiße!

Und ma kurz ne Frage zu Wilhelm Brannt: Lebt der jetzt noch? ODER NICHT?
Simon Möller hat gesagt…
Ich finde gar nicht schlecht, dass der Herr Dr. Mieroth sich auch solcher "Stoffe" annimmt. Spannend, was so publiziert wird. Hätte wohl nichts vom Buch mitbekommen, wenn der Ritt ins Blau das nicht thematisiert hätte.
Ich hätte, wie mein Vorredner auch, noch eine weitere Frage: Herr Dr. Mieroth, Sie haben ja bei Ihrer großen Vorstellung darauf hingewiesen, dass Sie sich viel mit Verwaltung und Kunst beschäftigen. Werden Sie zukünftig auch zu diesen Themen Texte veröffentlichen? Vielleicht Ihre Diss. vorstellen? Ich fände es sehr spannend.

Beste Grüße
Simon Möller
Dr. Fabian Mieroth hat gesagt…
Sehr geehrter Müller,

vielen Dank für Ihr Interesse an meiner Arbeit!

Beste Grüße
Ditter Kohtwoche hat gesagt…
Ich vermisse die guten alten Zeiten! Damals, als noch (aus heutiger Sicht) Vergangenheit war. Aber klar, man muss ja immer alles neu machen und mit der Zeit gehen.
Wisst ihr was, KREM: Ihr habt euch doch an den Zeitstrahl der Geschichte verkauft. Ihr spielt doch auch dieses "heute ist Sonntag, morgen Montag und übermorgen Dienstag"-Spiel mit.
Ich spucke auf euch, ihr dreckigen Uhr-Sklaven!
Christoph Teusche hat gesagt…
Was haben Sie eigentlich für ein Problem, Herr Kohtwoche?
Rüdiger Fahrenschon hat gesagt…
Herr Kohtwoche (ich hoffe, diese Anrede beleidigt Sie nicht), ist Ihr heutiger Kommentar nicht der beste Beweis dafür, dass beim KREM alles beim Alten geblieben ist?
Rüdiger Fahrenschon hat gesagt…
Also was ich mit meinem Kommentar sagen wollte, war folgendes: Kranke Menschen mit bescheuerten Namen haben den KREM bei seiner (Fehl)geburt empfangen, ihn bei seiner Russland-Odyssee begleitet und ihn auch bei seiner Wiedergeburt (diesmal nicht Fehl-) unterstützt. Wenn Sie uns also vorwerfen, dass wir uns "ja so verändert haben", dann muss ich Ihnen vehement widersprechen.

Wenn Sie uns aber vorwerfen, dass wir als in der Welt vorkommendes Etwas der Seins-Kategorie Zeit unterworfen sind, dann, ja dann: Schuldig im Sinne der Anklage!
Ditter Kohtwoche hat gesagt…
Uff KP. Ihr nevt halt!
Harko Petersmann hat gesagt…
War's das mit dem KREM oder kommt da nochmal was?

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