Dienstag, 24. Dezember 2013

Gastbeitrag: Weihnacht, Weihnacht (1)

Liebe KREMesfreunde,
es ist uns eine große Freude, erstmals einen Gastbeitrag veröffentlichen zu dürfen. Es handelt sich um eine Weihnachtsgeschichte von Susjana Bergmann-Zwillich und Ja'akeb Mosche Müller, die auf Erzähltraditionen aus dem Libanon aufbaut. Sie ist in 15 "Fraktionen" unterteilt, denn der libanesische Advent beginnt erst 15 Tage vor Weihnachten (die neun vorhergehenden Tage sind der "Vor-Advent": Die Vor-Vorfreude spielt im libanesischen Volksglauben eine zentrale Rolle). Die Geschichte nutzt die Zahl 15 als Element zum "Rhythmischen Erzählen", das an den Ritt der drei Weisen zur Krippe erinnern soll. Indem gezielt mit traditionellen Mustern gespielt wird, wir der heutigen libanesischen Gesellschaft auch "ein Stück weit" (alle Zitate vom Verfasser) der Spiegel vorgehalten. Wegen ungeahnter Längen ist die Geschichte in drei Teile à 5 Fraktionen unterteilt, die wir Ihnen über Heiligabend und das Christfest präsentieren. Nun aber nichts wie rein ins Lesevergnügen!


Wir wünschen Ihnen, verehrte Leserinnen und Leser, ein gesegnetes Weihnachtsfest

Redaktion DER KREM
Christoph Teusche, Chefredakteur
Rüdiger Fahrenschon, stv. Chefredakteur


Weihnacht, Weihnacht – (1–5)

1

Die Sonne schien äthiopisch auf die Hütte in Hagere Hiywet. Balthasar lümmelte erschöpft auf einem Schemel. Neben ihm standen die Kumpels Mika, Sisisba (ziegenmilchbekleckert) und Awnison. Seit Stunden versuchten sie, Balthasar zu überzeugen, mal wieder mit auf die Piste zu kommen. Als der weiterhin den Sturkopf mimte, trat die Jungfrau Debre Birhan in die Hütte. In ihren Arm eingehakt schleifte sie einen Greis mit Eselsgesicht hinterher. Sie stotterte. Der Graubart hieße Melchior, rede wirres Zeug, hätte aber Pläne und wolle mit den Jungs losziehen. Balthasar forderte, die Pläne anzuschauen. Der Alte kramte daraufhin einen Papyrusschnipsel hervor und las mir rauer, gebrochener Stimme die schwer verwischten Striche als Ziel vor: ~x,l'( tyBeî. Der Ort solle sich lohnen. Balthasar wollte sofort von dem Alten wissen, ob er es mit einem Amateur zu tun habe. Ob er nichts von Regengüssen und Sandstürmen auf dem Weg gehört habe. Ob er nicht besser seinen Plan auf einen Ledercodex geschrieben hätte, dieser sei wetterfest. Der Alte zuckte gleichgültig mit den Achseln. „Plan hin, Plan her. Mit so jungen Burschen ist das in 15 Tagen zu schaffen...“

2

Heute ist schon der zweite Tag der Geschichte. Die beiden Kollegen müssten längst ausgezogen sein, doch in der geräumigen Jurte in Hagere Hiywet war von Aufbruchsstimmung nichts zu spüren. Stattdessen vergnügte Balthasar sich mit Debre schon seit vier Stunden hinter einem aufgeschütteten Wall aus roten Samtkissen. Der Alte war längst eingeschlafen und störte mit seinem Schnarchen die romantische Zweisamkeit. Da pfiff plötzlich ein laues Windchen durch die Zeltwände und wehte den maroden Papyrusschnipsel des Alten heran, den er die Nacht über wie einen Schatz in seinen Händen trug. Das Papyrus erklomm die Kissenburg und landete – wie ein Wunder – vor den lüsternen Augen Balthasars im zarten Decoltee Debres. Diese schrie verstört auf. – Balthasar aber gehörte zur alten Schule: Für ihn war das ein Zeichen. Er streifte sich fluchs die traditionelle Shemma aus weißer Baumwolle von den Plantagen der Ostküste über (der größte Arbeitgeber in der Region), bestaunte wie jedes Mal die buntbestickte Bordüre, die seine jüngst verstorbene Mutter mit flinken Fingern gearbeitet hatte und trat mit einem Fußtritt den Kissenwall nieder. Die barbusige Debre Birhan fluchte und grub sich dabei beleidigt zwischen den Kissen ein. Balthasar war mit einem Schritt vor seiner Hütte, wo Melchior mit den Jungs Mika, Sisisba und Awnison aufgeregt schnatterte. Die drei waren vom gestrigen Initiationsfest noch sternhagelvoll und damit absolut reiseuntüchtig. Melchior hingegen stand bereits aufbruchsbereit in der Morgensonne und wippte ungeduldig mit der Fußspitze. Es konnte endlich losgehen….

3

„In Ordnung. Ich komme ja mit alter Mann.“ schnaufte Balthasar. „Aber warum genau soll es nach ~x,l'( tyBeî gehen?“ Jetzt war der Alte ganz in seinem Element. Er erzählte von Sternen, Mondbahnen und schnuppenähnlichen Himmelskörpern. In 13 Tagen müsse nach seinen Berechnungen und heimischen Experimenten etwas besonderes in ~x,l'( tyBeî geschehen. Er wisse nicht was, aber verpassen sollte man es auf keinem Fall. „In 13 Tagen?“ fragt Balthasar. „Hast Du nicht gesagt, wir könnten in 15 Tagen dort sein?“. „Nun“ antwortete Graubart Melchior, immer noch mit der Fußspitze wippend „um so mehr ist Eile geboten..“. „Jetzt wird die Sache spannend“ begriff Balthasar und sofort drückte er seinen Freunden Stöcke in die Hände und mahnte zum Aufbruch. Debre rief noch aus der Hütte, dass, wo sie nicht gut aufgenommen würden, sie den Staub von den Füßen schütteln sollten. Balthasar antwortete der kürzlich Entjungferten flüchtig mit „ja,ja..“ und schon war der lustige Trupp um die Ecke verschwunden. Als sie die Kleinstadt Hiywet verlassen hatten, schlug Melchior den Nordweg vor, doch Awnison hatte Einwände. Unverständliches Zeug brabbelte, der immer noch restalkoholisierte, von einem Brunnen mit Giftfunden und Ziegenmilch. Mika zeriss sofort seinen Mantel und teilte ihn in Stücke ein. Dann zeichnete er mit seinem Stock eine Linie zwischen die Stücke in den Sand und erklärte diese als Wegroute. Balthasar war genervt „Du bist kein Prophet Mika und bei allem Elan, Du wirst niemals einer sein.“ Nun äußerte sich auch Sisisba, der eben noch Wasser lassen musste. „Wir gehen immer der Nase nach, das hat schon mein Großvater immer gemacht und schaut mich an, ich lebe!“. Das klang überzeugend und so gingen sie den Pfad nach Westen. An toten Bäumen vorbei kamen sie in eine hüglige Gegend mit großen Steinbrocken links und rechts. Die Sonne brannte immer äthiopischer. Awnison keuchte und verlangte nach Pause, doch der Blick Balthasars verriet, dass er im Traum nicht daran dachte anzuhalten.

4

Auf Schusters Rappen nun passierten die Fünf eine Ebene und gelangten in Kürze durch das Städtchen Addis Abeba. Der Weg führte sie sogleich weiter in die Gegend um Debre Birhan. Wie seltsam, dass dieser Landstrich denselben Namen trug, wie Balthasars junge Geliebte aus den Kissenbergen… Als sie gerade noch darüber berieten, auf welche Weise sie das große Wasser, das sich spätestens morgen vor ihnen auftun sollte, überqueren könnten, erschien am Wegesrand ein schmächtiger Bursche so um die Dreißig. Vor sich hielt er einen Bauchladen mit der Aufschrift „Prima-Fingernagel-Kosmetik“. Hier unter der äthiopischen Sonne harrte er der Kundschaft, die ihm versprochen wurde, als die Marktschreier Debre Birhans ihn aus ihrem Örtchen vertrieben. Kaspar, so war sein Name, war jedoch viel zu gutmütig, um seinen Widersachern Böswilligkeit zu unterstellen. So lief er die staubigen Straßen hinab und hinauf und hoffte stets, seine Kosmetikartikel lohnend unter den modebewussten Mann, die elegante Frau zu bringen. Leider war ihm in den vergangenen Wochen außerhalb des Städtchens niemand mehr begegnet. Nun erschienen ihm die fünf Kollegen wie der verdiente Lohn seines geduldigen Wartens. Schüchtern und doch bestimmt unterbrach Kaspar die inzwischen hitzig geführte Debatte der Männer mit auswendig gelernten schlechten Reimen, die man ihm jüngst auf der Gewerbeschule beigebracht hatte: „Ist der Nagel doch so spröde, gibt es Rat in Wüsten-Öde.“ „Weihrauch, Myrre, Balsam – Schönheit wern se bald ham!“ Erst jetzt unterbrachen die Fünf ihren Streit und wurden auf den unbeholfenen Knaben aufmerksam. Melchior, altersweise, wandte sich ihm zu und wackelte gütig mit seinen Eselsohren.

5

„Nun gut Jungchen“ sprach er den zipfelmützigen Kleinwarenhändler an. „Bei ner anständigen Partie Mancala könnten wir etwas von Deinem Weihrauch schon gebrauchen. Wir wollen die ganze Nacht hindurch weiterziehen. Wir haben es eilig. Ich denke eine Pause, eine Partie Mancala und eine gute Prise Weihrauch halten uns wach.“ „Klar doch“ quiekte Kaspar „dreifuffzich der Zentner“. Sisisba hatte noch während der Unterhaltung eine nahestehende Ziege entdeckt und hing schon saugend an den Zitzen. Bekleckert kam er wieder und fragte Kaspar ob er seinen Krempel nicht Krempel sein lassen will und mitkommen möchte. Der Hintergrund für diese Meinung war „je mehr wir sind, desto mehr Spaß macht es“. Also bestiegen sie zu sechst den Rappen und ritten unter dem bäuchlings liegenden Halbmond in die Nordnacht. Kaspar hatte noch einen Beutel mit Waren dabei, von denen er sich nicht trennen konnte. Ohne seine Waren war er nichts. Fest an den Beutel geklammert fiel er in einen festen Schlaf. Im Traum erschien ihm eine rasierte – man sagt entfederte – ursprünglich weiße Gans. Sie nagte schnatternd an seiner Nase. Kaspar war ganz verzückt. Gerade hob er mit „meene Kleene“ zu einem Liebesgeständnis an, als er unsanft durch einen heftigen Schlag in den Nacken geweckt wurde. Über ihm war ein mächtiges Getose und die Augen waren voller Sand. „Mika? Sisisba? Balthasar? Awnison? Melchior? Wo seid Ihr?“ Ängstlich rieb er sich die Augen. Das Getose ließ nicht nach. „Lasst mich nicht zurück!“ rief er verzweifelt und wollte weinen. Doch der viele Sand in den Augen machte das unmöglich.

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