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Ein unbekanntes Tier (1/5)

Es war einmal ein unbekanntes Tier. Es hatte keine Freunde. Das lag daran, daß Tiere sich gern positionieren. Entweder du bist ein Freund, oder du bist der Feind. Das unbekannte Tier hatte die anderen Tiere beobachtet und daher diesen Schluß gezogen. Dem Feind gegenüber, so sahen es jedenfalls die Schimpansen, und von denen gab es hier jede Menge, mußte man mit Imponiergehabe gegenübertreten, um sie einzuschüchtern. Freunden gegenüber trat man jedoch mit Imponiergehabe gegenüber, um die eigene Stellung klarzumachen. Schimpansen liebten es, sich darzustellen, und die meisten waren gar nicht so wichtig, wie sie taten. Zum Beispiel stellten sich viele als Bandenführer dar, waren aber nur Gruppenführer, wenn es hoch kam. Das unbekannte Tier hatte beschlossen, sich mit den Schimpansen anzufreunden, weil es damit eine Allianz gegen die verhaßten Bonobos eingehen konnte. Diese selbstgefälligen Tiere mit blöden Augen und fetten Fingern, die harmoniesüchtig waren, waren sowohl ihm als auch, das hatte er aus Gesprächen ranghoher Schimpansen erfahren, diesen ein Dorn im Auge.
Die Bonobos kamen immer zu ihm an die Scheibe und zeigten ihm ihre Genitalien, was es absolut widerwärtig fand. Allein, es traute sich nicht, auf die Schimpansen zuzugehen. Es war nämlich ein Kormoran. Das glaubte es zumindest. Aber es gab hier keine anderen Kormorane, die es fragen konnte. Der Begriff „Kormoran“ war einmal in einem Satz gefallen, als es auch um es ging. So, jetzt muß ich mal kurz die Geschichte unterbrechen. Einigen wir uns darauf, das Tier mit „er“ anzureden, auch wenn es vielleicht eine sie ist. „Er“ (bzw. gleichermaßen auch „sie“) ist einfach handlicher als „es“. Okay, zurück zur Geschichte: Der Begriff „Kormoran“ war einmal in einem Satz gefallen, als es auch um ihn ging. Daher glaubte er, ein Kormoran zu sein. Die Schimpansen nahmen ihn wahr, beäugten ihn manchmal, aber auf ihn zugegangen waren sie noch nicht. Da waren die Bonobos „offenherziger“. Aber für die interessierte er sich nicht. Vielleicht war das auch eine Marotte von ihm, daß er immer das haben wollte, was er nicht bekam.
Einmal, es war Sonntag, da lagen die Schimpansen alle ganz faul in der Sonne. Daß Sonntag war, wußte er, weil alle Besucher davon redeten. An Sonntagen waren viele Besucher da. Die Besucher konnte niemand leiden, weil sie sich ganz frei bewegen konnten. Außerdem sahen sie genauso aus wie die Wärter, die als verantwortlich dafür galten, daß er, die Schimpansen, die Bonobos und so weiter sich nicht frei bewegen konnten. Aber sie hatten doch recht viel Platz. Wäre er flugfähig gewesen, hätte es ihn sicher gestört, daß er nicht weit hätte fliegen können. Aber so war es okay. Man richtete sich so ein. Die Schimpansen hatten eine Rebellenarmee gegründet, es waren sehr viele. Sie berieten sich jeden Dienstag, um den Freiheitskampf vorzubereiten. Früher hatten sie immer sonntags getagt, aber die Besucher hatten das gemerkt und gesagt: „Oh, guck mal, die Affen halten Rat! Was die wohl zu besprechen haben!“ Das war den Rebellen irgendwann zu unsicher geworden, deshalb verlegten sie die Treffen auf Dienstag, wenn nur ganz wenige Besucher kamen, vor allem kleine, faltige, die langsam gingen, aber auch immer ewig dablieben. Alle Insassen glaubten, es handele sich um alte Exemplare, aber das ließ sich nicht verifizieren. Auch wenn die Besucher immer mal mit den Insassen redeten, beantworteten sie doch nie Fragen. Einmal hatte Ferd, der Anführer der Rebellen, ein Pamphlet zur Freiheit vorgetragen. An den wichtigen Stellen pflichteten ihm seine Kollegen durch ermutigende Laute bei, was die Besucher aber nur amüsierte. Inhaltlich schienen sie sich mit den Forderungen nicht auseinanderzusetzen. Deshalb waren viele Rebellen auch desillusioniert und gewaltbereit geworden. Aber nie gegen die Wärter! Die Wärter hatten absolute Macht über Leben und Tod, wenn man ihnen irgend etwas antat, dann war das das eigene Todesurteil. Diese Erfahrungen hatten Mysli gemacht, der früher Anführer der Rebellen war. Es gab jetzt regelmäßig Mysli-Gedenkveranstaltungen. Das alles wußte der Kormoran, und an diesem Sonntag hatte er die Chance, endlich mal Kontakt zu den Schimpansen zu knüpfen, über die er so vieles wußte.
Ein Junges trabte geradewegs auf ihn zu. Die Eltern dösten in der Sonne. Eigentlich würden sie ihr Kind niemals aus den Augen lassen, das erzählte immer Zibor, der weise Alte, der mal in einem anderen Land (was auch immer das war) gelebt hatte. Aber in Gefangenschaft, so dozierte er, verlören die „Primaten“ (mit diesem Wort beschrieb er manchmal die Schimpansen) ihre natürlichen Instinkte. Er war sehr klug und wurde deswegen geschätzt. Das Junge kam also auf den Kormoran zu. „Spielen wir fangen?“, fragte es ihn.

Kommentare

Super Mario hat gesagt…
Itse me, Mario!
KREMfreund_01 hat gesagt…
omg schon wieder so n shcwachmat der nichts zur Gechichte bei zu tragen hat.
Wert zu iop-Ü hat gesagt…
Mister Kremfreund #1, sind Sie müde geworden?

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