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In einem Leuchtturm, Teil X

Sie nahmen Kurs auf eine westfriesische Insel. Dort wohnte der Auftraggeber. Er hieß Henk. Das ist ein westfriesischer Name. Michael sah die Männer die Kisten von Bord bringen. Henk sah er nicht. Es waren viele Kisten, sie mußten wohl an mehreren Orten gewesen sein, denn das konnte unmöglich alles aus der Junkers kommen, die er für einen Felsen gehalten hatte.
„Deine Reise ist hier zu Ende“, meinte plötzlich ein weiterer unbekannter Uniformierter zu ihm. „Aber … ich verstehe nicht. Sie meinten doch, Sie würden mich nach Hause bringen.“ „Hör zu, Junge, von hier aus ist es nicht weit zu deinem Leuchtturm, aber wir können nicht dorthin fahren.“ „Warum nicht?“ - „Nun, zuerst einmal gibt es in Deutschland zu viele Nazis.“ „Aber …“
Michael war wirklich verdutzt. Mit so einer Antwort hatte er nicht gerechnet. „Wir haben Juden an Bord, und die wollen nicht nach Deutschland fahren.“ „Jüdische CIA-Agenten?“ „Nein, jüdische Schatzsucher, aber wir sind ja so 'ne Art Schiffs-WG, und da wird immer abgestimmt, wo wir genau hinfahren.“ „Hm hm.“ Michael beschloß, nicht mehr zu kommentieren, was er zu hören bekam. „Außerdem: Ein Riesenschiff an deiner Leuchtturminsel, das würde ein Mords-Aufsehen erregen. Das können wir keinesfalls riskieren!“ Das leuchtete Michael schon eher ein, aber das ließ er sich nicht anmerken. Er ging zu seiner Kajüte, packte alles zusammen und verließ das Schiff, nicht ohne sich vorher von seinen neuen Freunden zu verabschieden.
Dann war er allein. Eine Hütte stand in der Mitte der überschaubaren Insel. Er näherte sich ihr. Was war von einem zurückgezogen lebenden Sammler alter Nazi-Schätze zu halten?
Als er noch zehn Meter von der Hütte entfernt war, sprang die Tür auf und ein 30jähriger Mann tänzelte ihm entgegen. „Tag, du muß Michael sejn!“, sprach er mit holländischem Akzent. „Komm nur rejn!“ Michael tat wie ihm geheißen. „Hilfst du mir mit den Boot?“ „Äh … mit welchem … ah, na klar, mit meinem Flucht-Boot quasi! Na klar!“
Michael zog ein riesiges Paket durch die Türschwelle. CIA PROPERTY! Und SECRET CONTENT! Stand mit Riesenbuchstaben darauf. „Wow, ein Boot von der CIA!“, freute sich Michael. „Das fährt bestimmt total schnell!“ Merkwürdig nur, daß es in diesen Pappkarton paßte. Henk war schon dabei, das Paket zu öffnen. Er hatte eine Heckenschere, mit der er behutsam den Karton öffnete. Nach einer Weile meinte er: „Sieht so aus, als mußten wir basteln!“ Tatsächlich: Der Inhalt des Pakets waren unzählige Einzelteile, die jedoch numeriert waren. Dazu gab es eine Betriebsanleitung. Auf der Titelseite stand in Blockbuchstaben: „SO YOU DECIDED TO BUY THE SUPER SECRET DO IT YOURSELF CIA BOAT“.
Zur gleichen Zeit in dem kleinen Örtchen unweit des Leuchtturms, das übrigens Vewesum hieß: Das Tagblatt hatte Redaktionskonferenz. Um einen sieben Meter langen und 3 Meter breiten ovalen Tisch saßen vier Redaktionsmitglieder und starrten auf eine Präsentation an der Wand, die sich in einem Meter Entfernung befand. Die Redaktionsräume waren von einem ungewöhnlich dämlichen Schnitt: In der Mitte war der Sitzungsraum, der keine Tür hatte, sondern über eine Durchreiche zum Büro des Chefredakteurs hin betreten werden mußte. In ihm befand sich der besagte Riesentisch, der angeschafft worden war, als die Redaktion noch größer war. Außer dem Tisch hatten keine weiteren Möbel und nur wenige Menschen in dem Raum Platz, so daß die Redakteure meist auf dem Tisch saßen (heute aber nicht). Die anderen Räume waren sehr klein, in den meisten befand sich nur ein Schreibtisch und ein Stuhl dazu. Jegliche Änderungen an der Raumaufteilung waren vom Betriebsrat abgeschmettert worden, weil er einen eigenen Raum für den Betriebsrat beanspruchte, der ihm verwehrt wurde. Obwohl mittlerweile nur noch zwölf Personen beim Tagblatt arbeiteten, davon acht in der Anzeigenabteilung und vier in der Redaktion, war der Betriebsrat immer noch eine unumgängliche Macht (mit den Massenentlassungen hatte er übrigens keine Probleme gehabt, sie sogar begrüßt, „dann haben wir endlich Platz für unseren Betriebsratsraum“).
Das große Thema der nächsten Ausgabe sollte die Homosexualität des verschwundenen Leuchtturmwärters werden. Im Augenblick war Hassan, der Redakteur für Shopping und Heimatkunde, dabei, die Implikationen des Schwulseins auf die Wahrnehmung der Umwelt zu referieren.
„Eckes und Lange weisen in ihrer Studie nach, daß Homosexualität die Wahrnehmung der Umwelt nicht unwesentlich beeinflusst. Es eröffnet sich den Betroffenen quasi eine ganz eigene Weltsicht. Also, äh, den, jetzt nicht Betroffenen, aber … Den Schwulen halt.“
„Danke, Hassan!“, sprach Jean-Pierre, der derzeitige Chefredakteur, „und wie gedenkst du, die gewonnenen Erkenntnisse in Inhalte umzusetzen?“
„Nun, mir schwebt eine Artikelserie vor unter dem Oberthema „Wie schwul ist Vewesum?“ mit Fotomontagen, du weißt schon, wie Schwule den Ort sehen und so. Dann wird die Landstraße zur Partymeile und der Leuchtturm … naja.“
„Das hört sich gut an, aber noch mal wegen morgen: Wer schreibt was über das Coming-Out von Michael?“
„Strenggenommen war es ja gar kein Coming-Out, sondern ...“, meldete sich Pawel, der Redakteur für Industriespionage und Luftfahrt, zu Wort. „Ja, das verstehen unsere Leser aber nicht, daher stellen wir es so dar!“, unterbrach ihn Jean-Pierre. „Wenn ich noch mal was sagen dürfte!“, meldete sich schließlich Schosch zu Wort, „wir haben ja auch noch die Geschichte mit dem Nazi-Flugzeug …“
„Würde ich nicht bringen!“, beschied ihm Jean-Pierre, „wir haben keine gesicherte Quelle, außerdem gibt die Geschichte meines Erachtens nicht viel her. Wir können auch nicht über alles berichten!“ Das leuchtete Schosch ein.

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