Samstag, 22. November 2014

Ritt ins Blau – Zehnter Teil: Roger Kittel: Hänsel und Gretel (bis auf weiteres)

Roger Kittel ist ja zurzeit in aller Munde. Nicht nur, daß seine mittlerweile als Bestseller zu betrachtenden literarischen Erzeugnisse die Kritiker in ungeahnter Einigkeit zu Lobeshymnen animieren, nein, Herr Kittel erweist sich als ein ungewöhnlich vielseitiger Autor. Dies zeigt sich auch im Hinblick auf die literarischen Gattungen, die er bedient: Von der Kurzgeschichte über den Kriminalroman zurück zur Kurzgeschichte hat er bereits alle Register gezogen. Dabei wird oft vergessen, wie das „erwachsen gewordene Nachwuchstalent“ (Wilhelm Brannt) angefangen hat.
Nach dem Studium mußte sich Kittel, der nach eigenen Angaben eine Kindheit verlebte, mit dem Verfassen von Gebrauchsanweisungen durchschlagen. „Besonders gefragt waren Texte in absurd schlechtem Deutsch, die zu Produkten aus Asien geschrieben wurden“, verrät er im Ritt-Ins-Blau-Interview. „Aus Kostengründen wurden die Betriebsanleitungen in Sachsen-Anhalt angefertigt. Um die Verbraucher in Sicherheit über die asiatische Herkunft zu wiegen, ersannen wir das Konzept der falsch geschriebenen Betriebsanleitungen.“ Damit wäre auch dieses Rätsel gelöst.
Der vorliegende Text entstammt Roger Kittels Erstlingswerk Moderne Märchen. Es wurde im Oktober 1970 veröffentlicht und im Heinrich-Selbst-Verlag (heute Selbstverlag) herausgegeben. Hier zeigt sich bereits die tiefe Verankerung Kittels in der Sprachtradition der Künstlervereinigung „Die Künstlervereinigung“, die auf radikale Sprachvereinfachung und letztlich „Entmystifizierung der Sprachwelt“ hinwirken wollte. Lesen Sie selbst!

Die in vorliegendem Text getätigten Aussagen beziehen sich auf einen Zeitpunkt, der in der nicht näher bestimmten Vergangenheit liegt. Zentrale Figuren des Berichts sind zwei minderjährige Personen (das Alter liegt vermutlich zwischen 10 und 16 Jahren), deren Namen Hänsel (Junge) und Gretel (Mädchen) lauten. Beide gehören derselben Familie an, die grundsätzlich nicht als problematisch anzusehen ist. Jedoch führen finanzielle Engpässe zum Beschluss des Vaters, durch räumliche Trennung der Kinder vom Elternhaus eine Reduzierung der Familiengröße herbeizuführen. Nachdem dieses Vorhaben im ersten Durchlauf durch Vorkehrungen Hänsels, der die zurückgelegte Wegstrecke, die durch einen Forst führt, mit Steinen markiert, misslingt, steht der Verwirklichung des Plans nach Vergrößerung der Distanz Haus–Aussetzpunkt nichts mehr entgegen, da die Kinder nach Ausbleiben geeigneten Materials zur Anlage von Orientierungspunkten auf Brot zurückgreifen. Dabei wird von ihnen der Umstand übersehen, dass zahlreiche Tiere Brot als Nahrungsmittel betrachten und die Markierung somit eine nicht unerhebliche Nutzungsschwäche erleidet. Nachdem durch die Kinder der Versuch, den Weg zurück nachzuvollziehen, abgebrochen wird, erfolgt an Ort und Stelle eine Übernachtung. Am Folgetag wird ein erneuter Versuch durchgeführt, den Rückweg ausfindig zu machen. Dabei gerät ein Gebäude in den Fokus der Geschwister, das einerseits verdeutlicht, dass der eingeschlagene Weg mit dem am Vortag zurückgelegten nicht übereinstimmt, andererseits aber aufgrund seines abweichenden Baustils (Dachziegel sowie tragende Wände aus Lebkuchen (!) gefertigt) das Interesse der Minderjährigen erweckt. Da die Protagonisten einen Drang zur Nahrungsaufnahme verspüren, wird der Beschluss gefasst, die Gebäudesubstanz zu diesem Zweck zu dezimieren. Während der Durchführung werden sie von der Hauseigentümerin ausfindig gemacht. Diese plant, Hänsel zum Gegenstand eigener Nahrungsaufnahme zu machen und schließt selbigen daher in einem durch Einfriedung abgetrennten Bereich innerhalb des Gebäudes ein. Demgegenüber wird die Schwester gezwungen, als Putzkraft im Haushalt zu arbeiten. Vor der geplanten Schlachtung seitens der Hauseigentümerin (sog. Hexe) bezweckt diese, den Leibesumfang Hänsels durch Nahrungszufuhr auszuweiten. Zur Evaluation der Zielerreichung wird dieser angehalten, seinen Finger zur Vermessung bereitzuhalten, da die Hexe infolge einer Sehschwäche auf ihren Tastsinn angewiesen ist. Hänsel, der der Zubereitung als Speise kritisch gegenübersteht, gibt nicht den Finger, sondern Hühnerknochen zur Messung frei, so daß die Hexe keine Fortschritte in ihrem Vorhaben feststellen kann. Aufgrund ihres ausgeprägten Wunsches, Hänsel als Lebensmittel zuzubereiten, wird der Beschluss gefasst, diesen trotz ausbleibenden Erfolgs der Fettanreicherung seiner Bestimmung zuzuführen. Der zu diesem Zweck geöffnete gebäudeeigene Ofen wird jedoch zum Zeitpunkt der geplanten Zubereitung ohne das Wissen der Hexe von Gretel genutzt, um selbige in die Bratvorrichtung einzuführen. Dies führt in der Folge zum Ableben letzterer und hat die Entnahme Hänsels aus der für ihn bestimmten Einfriedung zur Folge. Die auf diesen Zeitpunkt folgenden Geschehnisse sind unbekannt, jedoch ist davon auszugehen, daß beide Protagonisten unter der Voraussetzung am Leben sind, daß nicht dem entgegenstehende Umstände eingetroffen sind.

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

ach ja? interessant!

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