Direkt zum Hauptbereich

In einem Leuchtturm, Teil III

Die Wellen schlugen gegen die trostlose Insel, die dort im Meer lag, scheinbar aus dem einzigen Grund, um Schiffe zu zerstören. Tatsächlich waren hier bereits zahllose Schiffe verunglückt. Die Insel war von unglaublicher Trostlosigkeit. Im wesentlichen bestand sie aus einem glatten, zu großen Teilen bemoosten Felsen, der zur Inselmitte hin spitz zulief, so daß Schiffe, die hier aufliefen – wobei dies allein viele Schiffe schon zerstörte – schließlich von den scharfen Kanten in der Mitte leckschlugen. Durch die Form des Felsens ließ sich das Schiff auch meistens nur sehr schwer wieder hinunter manövrieren, auch wenn die Insel permanent nahezu vollständig von Wellen überspült wurde. Spätestens hierbei gingen die bis dahin heil gebliebenen Schiffe kaputt. Neben dem Felsen befand sich zu einer Seite ein kleiner Strand. Die ganze Insel war nicht größer als 100 m², außer dem Moos gab es hier kein dauerhaftes Leben.
Ein paar Möwen standen in der Felsmitte und sonnten sich. Plötzlich wurden sie durch ein lautes Geräusch verjagt. Ein Mensch stieg aus dem Wasser und lief an Land. Er war vollständig bekleidet, er trug einen Matrosenanzug. Langsam lief er auf die Inselmitte zu. Als er das Moos betrat, rutschte er aus und fiel hin. Verwirrt blickte er sich um.
Michael hatte überlebt, aber er hatte großes Glück gehabt. Zunächst war er einfach abgetrieben. Er konnte nichts dagegen machen. Die schwere, eng sitzende Seemannskluft hatte ihm jede Bewegungsfreiheit genommen. Erst als die Strömung nachließ, wurde er langsam wieder Herr der Lage. Er fuhr mit den Händen ins Wasser, um zurückzuschwimmen. Als die linke Hand auf der Wasserfläche aufkam, verspürte er einen heftigen Schmerz. Schockiert zog er die Hand wieder aus dem Wasser. Sie blutete aus einem kreisrunden Löchlein. Er tastete das Wasser ab. Offenbar hatte er auf einen rostigen Nagel geschlagen, der an einem Brett befestigt war, das durch das Wasser trieb. Ein langes, stabiles Brett war das. Schnell griff er zu. Er zog sich auf das mindestens 50 cm breite und 2 m lange Brett und begann zu paddeln. Wieder durchzuckte ihn ein Schmerz. Er war umgeben von Brettern. Sie waren alle groß und stabil. An einem klebte ein Etikett, auf dem „Brätta Bretter-Set“ stand. Er setzte sich rittlings auf das größte Brett und zog aus seinem Anzug das Multifunktionswerkzeug, das man als Leuchtturmwärter immer mit sich führen mußte. Schnell war eine Barkasse gebaut, die das Fortkommen wesentlich erleichterte. Sein Anzugoberteil fungierte als Segel. Die Frage war nun, in welche Richtung er segeln sollte. Über das Bauvorhaben hatte er völlig die Orientierung verloren. Zwar hatte sich der Sturm gelegt, es war aber sehr diesig, jedenfalls sah er das Licht des Leuchtturms nicht mehr. Er beschloß, die Richtung an der Flugrichtung der Möwen auszurichten, weil er wußte, daß Möwen immer zum Festland hinfliegen. Weit konnte es nicht sein, er hatte höchstens 20 Minuten mit dem Bau des Bootes zugebracht. Das Ruder, daß er geschnitzt hatte, wollte er zunächst nicht benutzen. Der Wind stand günstig, um zurückzukehren. Jetzt hieß es warten und die Naturkräfte ausnutzen. Doch der Wind ließ spürbar nach. Möwen waren auch keine mehr zu sehen, es war zu dunkel. Das Boot schaukelte sanft, Michael merkte, wie er schläfrig wurde. Er ging in die Kajüte und legte sich schlafen.
Ziemlich unsanft wurde er acht Stunden später geweckt. Die Sonne stand wohl schon länger am Himmel. Das Boot hingegen hatte er anscheinend doch nicht so gut konstruiert, wie er gedacht hatte. Jedenfalls lag er auf zwei lose verbundenen Brettern, die durch die Wellen gegeneinander bewegt wurden und seinen Kopf einklemmten. Er fuhr hoch. In nicht allzu weiter Entfernung sah er die restlichen Bretter schwimmen. Sonst war am Horizont nicht sehr viel zu sehen, soweit er das beurteilen konnte. Beim Drehen des Kopfes erwischte ihn eine Welle, er glitt von den letzten beiden Brettern, die sehr schnell wegtrieben. Nun war also schwimmen angesagt. Diesmal wollte er es in Rückenlage probieren. Als er die linke Hand hinter sich ins Wasser stieß, fühlte er Sand. Verdutzt fuhr er herum. Ein paar Möwen flogen schreiend davon. Er war an einem häßlichen Felsen gelandet.

Kommentare

Endlich bin ich mal erster vor diesem blöden brennenden Reichstag! Nimm das, wieder mit Leben gefülltes Parlamentsgebäude!
Oder etwa nicht? Bin ich denn nicht in der Rangfolge über dir, du heutzutage offiziell "Plenarbereich Reichstagsgebäude" genanntes, ehemals brennendes Hohes Haus?
Ist Der am 27. Februar 1933 angezündete Reichstag nicht ein fortwährend brennendes, zeitloses Konstrukt? Demzufolge wäre "ehemals brennend" eine irreführende Bemerkung.
Schrödingers Katze hat gesagt…
Wie kann er denn gleichzeitig brennen und in Berlin als Plenargebäude fungieren? Krass kompliziert.
Miau!
Logik hat gesagt…
@Gesunder Menschenverstand: thumbs up :)
Anonym hat gesagt…
eine sehr gute geschichte. vieleicht sogar die bisher beste beim KREM, aber das kann ich nicht beurteilen.

Gezeichnet Erwin KOT
Christoph Teusche hat gesagt…
Stimmt, das können Sie ohne entsprechende Ausbildung nicht! Aber nett, daß Sie bei uns vorbeischauen. Viel Vergnügen weiterhin!

Beliebte Posts aus diesem Blog

Die Gitarre

Am 17.02.2011 ging Walther Benarsky in Sölden zu dem Gitarrenbauer Franz Merten. Benarsky betrat den Laden, schaute sich ein wenig um, freute sich und schritt sodann zum Verkaufstresen: „Guten Tag, mein Name ist Benarsky, wir hatten telefoniert.“ Darauf der Gitarrenbauer: „Benarsky, Benarsky, genau, Benarsky! Tut mir leid, ich war gedanklich noch woanders. Genau, ich hole gleich mal ihre Gitarre, sie ist tatsächlich erst gestern Abend fertig geworden. Aber schön ist sie.“ Sodann verschwand er in einen kleinen Hinterraum. Er pfiff fröhlich die Melodie des Horst-Wessel-Liedes.

Zwei Jahre DER KREM

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kinder!
Es ist mir – davon bin ich überzeugt – eine Ehre, heute hier an meinem Computer zu sitzen und Ihnen diese Rede zu schreiben. Als technikaffiner Akademiker mit Do-it-yourself-Mentalität stehe ich dem Internet offen gegenüber. Mehr noch: Als Mensch ohne Migrationshintergrund bin ich (auch fachlich) interessiert, wie Informationsströme Grenzen überwinden und dabei soziale Prozesse auslösen. Damit nicht genug: Als besorgter Bürger mache ich mir Sorgen um unsere Sicherheit. Praktisch: Als gelernter Hubschrauberpilot kann ich Hubschrauber fliegen. Heute aber spreche ich zu Ihnen als der Techniksoziologe, der sich mit Leib und Seele der Techniksoziologie verschrieben hat. Gestatten, mein Name ist Kiter Verbel.

Ein Tag der Gotik

Bernd und Wumpe waren die ersten auf der Baustelle. Halb acht war gerade durch, beide frühstückten, die Sonne strahlte in den Rohbau des Kaufhauses. Die unverputzen Wände wie auch all die anderen unzähligen baustellentypischen Dinge rochen stark nach Unfertigkeit. „Es gibt hier noch viel zu tun!“, hätte über dem Szenario stehen können. Wumpe hatte soeben seine Stinkekäsestulle aufgegessen, da ging er vor die noch eingeschweißte Rolltreppe und stellte mit Entsetzen fest, wie häßlich er den gesamten Bau doch fand. Bernd verstand das nicht. Bernd verstand selten etwas. „Wieso häßlich?“, fragte er. „Naja, guck dir das doch mal alles an. Das sieht hier doch total nach Plastikschrott aus“, erwiderte Wumpe.