Direkt zum Hauptbereich

In einem Leuchtturm, Teil IX

„Was ist eigentlich eine Parallelhandlung“, fragt Hans Mexiko Elias seine Mutter Dörthe und schaufelt sich mit seiner Patschehand fettfreie Bio-Chips in seine Kinder-Fresse. Die ist erstaunt. Nach einer weiteren Lektion In einem Leuchtturm hatte sie eigentlich eine inhaltliche Frage von ihrem als hochbegabt geltenden Sprößling erwartet, immerhin besucht dieser die MensAcademy, eine jener Privatschulen für kleine Genies wie ihn.
„Also … eine Parallelhandlung ist“, hebt sie dennoch an, mit der ihr eigenen verständnisvollen Art zu erklären, „wenn in einer Geschichte ein zweiter Erzählstrang etabliert wird, der in Relevanz und meist leider auch im Unterhaltungswert gegenüber der Haupthandlung zurücksteht.“
Also wie die Geschichte von Bernd und Luca in der Leuchtturmgeschichte?“ - „Ja, genau, man wünscht sich natürlich, mehr über Michael zu erfahren, aber aus sadistischen Gründen (wie ich annehme) …“ - „Mama, hast du gerade eine Klammer gesetzt?“ - „Ja, mein Schatz. Also, aus sadistischen Gründen wird die äußerst unspannende und zähflüssige Geschichte von Bernd erzählt, der aus Gnade einen neuen Sidekick bekommen hat, eben Luca, von der wir einfach nicht wissen, wohin sie sich entwickelt und warum überhaupt von ihr erzählt wird.“

Bernd packte den leblos in der Kajüte treibenden Körper mit beiden Armen und schulterte ihn. Hinter ihm kam ein Mann mit einem großen Eimer. Bernd ließ den Fisch von seinen Schultern in den Eimer gleiten. „Nochmals danke, Jungs, aber außer ein paar an Deck schwimmenden Fischen ist hier nicht viel passiert. Na gut, das Schiff muß wohl in die Werft, aber ich sage immer, Hauptsache gesund!“ „Man hilft, wo man kann!“, entgegnete Bernd lächelnd, krempelte sich die triefenden Ärmel hoch und stellte sich mit verschränkten Armen auf das Deck. Luca war gerade dabei, den letzten Fisch in einen Eimer zu werfen. Es gab nichts mehr zu tun, ihre Arbeit war getan.
Im Hafen wurden sie von Schosch abgefangen, der für das „Tagblatt“ arbeitete. „Hallo, Bernd! Wart ihr gerade helfen hier?“ „Ach, Schosch, das war nichts Großartiges, nur ein paar Fische aufsammeln.“ „Ja, das ist unser Bernd, immer ganz bescheiden. Ich will alles wissen, das wird die Geschichte morgen! Gehen wir ins „Erna's“?
Michael war auf dem Weg nach Hause. Er freute sich, gleichzeitig war er aber nervös. Was würde Bernd sagen, nach all der Zeit? Was würde er auf die Frage antworten, die er vor seinem Verschwinden aufgeworfen hatte?
„Hee, willst du mal das Deck sehen?“ Einer seiner Bewacher, der auf den Namen „Dolch“ hörte, stand auf einmal in der Tür. „Klar, warum nicht? Bin ich eigentlich noch gefangen?“ „Ja und nein“, meinte Dolch, „wir wissen gern, wo du bist, daher ja, aber eigentlich nein. Also theoretisch nein. Aber praktisch eben ja. Also eigentlich ...“ „OK, du mußt nicht weiterreden, das ist ja eh überhaupt nicht deine Stärke!“, neckte Michael ihn. Dolch hatte keinen Sinn dafür und boxte ihn in die Magenkuhle. Dann gingen sie an Deck.
„Also, jetzt erzählt mal, wie ist das eigentlich passiert mit dem Kutter?“ Bernds Geltungsdrang überwog deutlich seinen Haß auf Schmierblätter, deshalb war er gern dazu bereit, Auskunft zu geben. Er war nur nicht sonderlich redegewandt. „Ein Tanker rammte ihn. Dann geriet er in eine Schieflage.“ „Ach so. Und was geschah dann?“ „Dann sind wir an Bord des Schiffes gegangen und haben die aus den Eimern gefallenen Fischer eingesammelt.“ „Das ist alles, es waren nur ein paar Fische aus den Eimern gefallen?“ „Ja.“ „Und … Wie wurdet ihr empfangen?“ „Freundlich.“ „OK. Wie ist denn Ihre Meinung dazu, Herr ...“ Der Reporter wandte sich an Luca. „Das ist Luca. Meine neue Aushilfe. Seit Michael weg ist.“ „Michael ist weg, davon wußte ich gar nichts!“ „Stand doch groß in allen, äh, anderen Zeitungen! Mensch, Schosch!“ „Wie … was … ist denn mit ihm passiert?
Da geschah etwas mit Bernd. Der monatelang aufgestaute Kummer über Michaels Verschwinden brach sich Bahn und wurde zum längsten Redeschwall in seinem Leben.
„Also, an dem einen Abend hat er mir ein Geständnis gemacht. Und ich habe nicht drauf reagiert! Und dann ist er runtergegangen. Und vor der Tür unten hat ihn ne Megawelle weggerissen. Und dann war er weg. Und dann habe ich von ihm eine Flaschenpost bekommen. Und dann haben sie nach ihm gesucht, wo die Flaschenpost herkam. Und dann haben sie gesagt, daß er schon weg war. Und dann … war er endgültig verschwunden.“ - „Wann war das?“ - „Das Gespräch mit dem Suchtrupp war vor drei Wochen!“
„Michael hat dir ein Geständnis gemacht? Ein Liebes-Geständnis? Heißt das, er war schwul?“ - „Er IST schwul! So was ändert sich doch nicht!“ - „Nein, das meinte ich auch nicht, aber vielleicht ist er ja schon längst tot.“ - „Ja, vielleicht, aber ich will das nicht wahrhaben.“ - „Er hat eine Flaschenpost geschrieben. Von wo aus?“ - „Von einem seltsamen Felsen in der Oymel-Bucht. Da haben angeblich Leute drin gebuddelt.“ - „In der Oymel-Bucht? Dort vermuten sie doch Hitlers Nazi-Schatz!“ - „Weiß ich nichts von.“ - „Womöglich war das das Flugzeug … Dann wurde der jetzt ausgegraben! Das wäre ja der absolute Knüller! Weißt du mehr darüber?“ - „Nein.“ - „Du meintest doch, da hätte jemand gebuddelt?“ - „Ja.“ - „Also war es kein Felsen?“ - „Doch.“ - „Aber in einem Felsen kann man nicht buddeln.“ - „Das habe ich dem Suchteam auch gesagt. Aber darüber weiß ich nichts. Wollen wir nicht lieber wieder über den Kutter …?“ - „Vielen Dank, Bernd, du hast mir sehr geholfen!“
Michael bestaunte indes das Schiff, das er erstmals von außen sehen konnte. Es war bemerkenswert häßlich. Offenbar hatte jemand ein Segelschiff zu einer Art Tarnkappenbomber umgebaut. Genauso sah das Schiff aus. Massive runde Säulen aus einem schwarzen, glänzenden Material gingen über in segelartige Aufbauten, scheinbar aus dem gleichen Material. Die Sonne stand noch relativ hoch am Himmel, aber das Schiff reflektierte keinerlei Sonnenlicht. Es sah aus wie ein Geisterschiff aus einer anderen Galaxie. „Die Idee bei dem Schiff ist, nicht gesehen zu werden, daher das Material, das man auch von sogenannten Tarnkappenbombern kennt.“ - „Wieso „sogenannten“?“ - „Wie bitte?“ - „Du sagtest „sogenannten Tarnkappenbombern“. Wie heißen die denn in echt?“ - „Na, Tarnkappenbomber.“ - „Also nicht „sogenannte“.“ „Doch.“ - „Aber …“ Michael hielt inne. Es hatte keinen Sinn. „Also“, fing Dolch wieder an, „das Material ist das von sogenannten tatsächlichen Tarnkappenbombern – ist es so besser?“, unterbrach er sich selbst, was Michael nur mit einem aufmunternden Nicken bestätigte, „aber darunter ist es ein Segelschiff. Darauf bestand unser Auftraggeber. Er ist ein Ökologe, wissen Sie?“ „Und euer Auftraggeber sammelt Schätze?“ - „Er sammelt vor allem sogenannte … äh, ich meine tatsächliche „Nazi-Schätze“. Dafür hat er einen Spleen.“ - „Ist er selbst auch Nazi?“ - „Weiß ich nicht, aber ich bin auch sehr unpolitisch, frag mal Mathis.“ - „Wem gehört denn das Schiff?“ - „Das ist kompliziert. Zunächst gehörte es unserem Auftraggeber, aber der hat es an die CIA verkauft, besser gesagt, es wurde gepfändet und die CIA hat am höchsten geboten bei der Auktion. Sie hat es dann in dieses Kampfschiff umbauen lassen. Dann haben wir Schatzsucher eine Genossenschaft gegründet und es von der CIA geleast. Aber wir nutzen es meistens gemeinsam, daher zahlt uns die CIA eine Nutzungsgebühr. Wir wiederum haben Genossenschaftsanteile an unseren Auftraggeber verkauft.“ - „Verstehe“, log Michael.

Kommentare

Justus Matereit hat gesagt…
Liebe "Dumme",
dieser Text ist bis zu 20 % länger als die DER-KREM-Durchschnittstexte. Wenn Sie mit dem Lesen nicht hinterher kommen, dann machen Sie zwischendurch eine Pause, der Text steht später auch noch da!

Für die Redaktion
Justus Matereit
Mateo Algebra hat gesagt…
Du uns nischte kannste sagene, dase wir alle dumme sinde!
Goldwin Katzbach hat gesagt…
Das ist interessant. Ich hatte immer vermutet, daß Italiener so schreiben, wie sie sprechen; jetzt habe ich die Bestätigung.
Christoph Teusche hat gesagt…
Herr Matereit, in mein Büro!
Justus Matereit hat gesagt…
Wieso? Das können wir auch hier austragen. Ich habe keine Angst vor Ihnen!
Christoph Teusche hat gesagt…
Wie Sie wünschen. Was fällt Ihnen ein, unsere Leserschaft teilweise als "dumm" zu bezeichnen? So, wie ich sie kenne, werden alle Leser das auf sich beziehen (ob zurecht oder folgerichtig, bleibt dahingestellt). Ihre Privatmeinung (und die der Mehrheit der Redaktion) interessiert hier nicht! Ich verurteile Sie zu einer "Richtigstellung" (zwinker)!
Justus Matereit hat gesagt…
Seit wann Siezen wir uns eigentlich?
Tilman Bartning hat gesagt…
Leute, könnt ihr bitte mal den "Antworten"-Button drücken, wenn ihr euch auf ein vorhergehenden Kommie bezieht? Sonst sieht hier irgendwann keiner mehr durch!

Admin
Anonym hat gesagt…
Halt DAS Maul!

Beliebte Posts aus diesem Blog

Die Gitarre

Am 17.02.2011 ging Walther Benarsky in Sölden zu dem Gitarrenbauer Franz Merten. Benarsky betrat den Laden, schaute sich ein wenig um, freute sich und schritt sodann zum Verkaufstresen: „Guten Tag, mein Name ist Benarsky, wir hatten telefoniert.“ Darauf der Gitarrenbauer: „Benarsky, Benarsky, genau, Benarsky! Tut mir leid, ich war gedanklich noch woanders. Genau, ich hole gleich mal ihre Gitarre, sie ist tatsächlich erst gestern Abend fertig geworden. Aber schön ist sie.“ Sodann verschwand er in einen kleinen Hinterraum. Er pfiff fröhlich die Melodie des Horst-Wessel-Liedes.

Zwei Jahre DER KREM

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kinder!
Es ist mir – davon bin ich überzeugt – eine Ehre, heute hier an meinem Computer zu sitzen und Ihnen diese Rede zu schreiben. Als technikaffiner Akademiker mit Do-it-yourself-Mentalität stehe ich dem Internet offen gegenüber. Mehr noch: Als Mensch ohne Migrationshintergrund bin ich (auch fachlich) interessiert, wie Informationsströme Grenzen überwinden und dabei soziale Prozesse auslösen. Damit nicht genug: Als besorgter Bürger mache ich mir Sorgen um unsere Sicherheit. Praktisch: Als gelernter Hubschrauberpilot kann ich Hubschrauber fliegen. Heute aber spreche ich zu Ihnen als der Techniksoziologe, der sich mit Leib und Seele der Techniksoziologie verschrieben hat. Gestatten, mein Name ist Kiter Verbel.

Ein Tag der Gotik

Bernd und Wumpe waren die ersten auf der Baustelle. Halb acht war gerade durch, beide frühstückten, die Sonne strahlte in den Rohbau des Kaufhauses. Die unverputzen Wände wie auch all die anderen unzähligen baustellentypischen Dinge rochen stark nach Unfertigkeit. „Es gibt hier noch viel zu tun!“, hätte über dem Szenario stehen können. Wumpe hatte soeben seine Stinkekäsestulle aufgegessen, da ging er vor die noch eingeschweißte Rolltreppe und stellte mit Entsetzen fest, wie häßlich er den gesamten Bau doch fand. Bernd verstand das nicht. Bernd verstand selten etwas. „Wieso häßlich?“, fragte er. „Naja, guck dir das doch mal alles an. Das sieht hier doch total nach Plastikschrott aus“, erwiderte Wumpe.